Wo morgens um zwei das Licht angeht
Zwischen frischem Brot, Stammkundschaft und ganz viel Herzblut: Yvonne Bebié führt die traditionsreiche Bäckerei Confiserie Bebié in zweiter Generation weiter. Obwohl sie mittlerweile in Adligenswil lebt, ist die Neustadt für sie bis heute Heimat geblieben.
01.09.2026 | Daniel Schriber (Text) und Louise Runkel (Foto)

Freitagmorgen um halb zehn Uhr in der Bäckerei Confiserie Bebié an der Bundesstrasse 7. Im Café sitzt eine ältere Dame bei Kaffee und Gipfeli, jemand holt rasch einen Zopf fürs Wochenende, im Minutentakt wird der den Laden betreten. Hinter der Theke begrüssen die Mitarbeitenden viele der Kundinnen und Kunden mit Namen, wechseln ein paar Worte, lachen. Man merkt schnell: Hier kaufen viele nicht einfach Brot. Sie kommen auch wegen der Menschen.
«In Zeiten, in denen alles immer anonymer wird, gewinnt das Persönliche wieder an Bedeutung», sagt Yvonne später beim Kaffee. «Die Leute schätzen es, wenn man sie kennt.» Dieses Persönliche zieht sich durch die ganze Geschichte der Bäckerei Confiserie Bebié. Und durch die Geschichte von Yvonne selbst. 1982 zogen ihre Eltern Hedy und Walter Bebié mit ihren beiden Töchtern von Horgen am Zürichsee nach Luzern, um die Bäckerei an der Bundesstrasse zu übernehmen. Ihr Vater war Bäcker, die Mutter gelernte Druckerin und Quereinsteigerin ins Bäckereigewerbe. Dass ausgerechnet Luzern zu ihrer neuen Heimat wurde, hatte auch mit der Familiengeschichte zu tun: Ein Grossonkel führte früher an der Baselstrasse eine Bäckerei, und Yvonnes Vater half dort als junger Mann während den Ferien mit.
Kindheit zwischen Konfi-Kesseln und Gipfeli
Von Anfang an lebte die Familie mitten im Betrieb. Im Erdgeschoss die Backstube und der Laden, im vierten Stock die Wohnung. «Meine Schwester und ich sind ständig im Geschäft herumgerannt», erinnert sich Yvonne und lacht. «Die Kundinnen und Kunden hatten Freude an uns Knirpsen.» Ihre Kindheit riecht nach frischem Brot, warmer Konfitüre und Schokolade. Sie erinnert sich daran, wie ihr Vater einen grossen Konfi-Kessel aufstellte und sie zusammen mit ihrer Schwester darauf sass, während er frische Backwaren produzierte. «Als Kleinkinder haben wir ihm einfach mit grossen Augen zugeschaut – und je älter wir wurden, desto häufiger haben wir selbst im Betrieb mit angepackt», erzählt die 46-Jährige, die heute selbst Mutter von zwei Teenagern ist.

Sonntagsverkauf sorgte für Gesprächsstoff
Doch die Anfangsjahre waren anstrengend: Während Walter Bebié nachts und frühmorgens in der Backstube stand, kümmerte sich Hedy Bebié um den Verkauf. «Meine Eltern haben sich alles mit viel Fleiss und Schweiss aufgebaut.» Und sie sorgten gleich auch noch für Gesprächsstoff in der Stadt. Denn die Familie aus dem reformierten Zürich gehörte mit ihrer Bäckerei Confiserie zu den ersten Geschäften in Luzern, die sonntagmorgens öffneten.
Das kam im damals noch streng katholischen Luzern nicht überall gut an. Allerdings galten klare Regeln: Öffnen durfte die Bäckerei erst um zehn Uhr, wenn der Gottesdienst zu Ende war. Frisch gebacken werden durfte sonntags ebenfalls nicht. Deshalb wurden Gipfeli und Zöpfe bereits am Samstag vorbereitet und am Sonntag nur noch kurz «rausgebacken», wie es im Bäckerjargon heisst.
Der erste Sonntag ist Walter Bebié bis heute in Erinnerung geblieben: Von 10 bis 14 Uhr war das Geschäft geöffnet und erzielte einen Umsatz von genau 100 Franken. «Es gab Leute, die das kritisch sahen», erzählt Yvonne. «Gleichzeitig freuten sich aber auch viele darüber, dass man nun sonntags noch ein frisches Brot oder einen Zopf kaufen konnte.» Heute schmunzelt sie darüber. Denn ausgerechnet der Sonntagmorgen ist mittlerweile der umsatzstärkste Halbtag der Woche. Und natürlich wird heute auch am siebten Tag der Woche frisch gebacken.
Hedy und Walter Bebié helfen heute noch mit
Ob Yvonne eines Tages selbst die Bäckerei übernehmen würde, war lange nicht klar. Nach der Schule machte sie zunächst die Ausbildung zur Handarbeits- und Werklehrerin. Später absolvierte sie im damaligen Nähshop Aeschlimann an der Hirschmattstrasse eine zweite Lehre als Verkäuferin. Eine Zeitlang stand sogar im Raum, dieses Geschäft zu übernehmen. Für Yvonne stand jedoch fest: «Wenn ein Geschäft, dann das der eigenen Familie. Als der Nähshop bald darauf infolge einer fehlenden Nachfolgelösung schloss, hat mir das wehgetan.»
Schliesslich führte der Weg zurück an die Bundesstrasse 7. Zuerst unterstützte sie ihre Eltern dort in der Buchhaltung und im Verkauf. 2019 übernahm sie den Betrieb endgültig von ihren Eltern – nach 37 Jahren Bebié-Geschichte in der Neustadt. Doch auch heute sind Hedy und Walter Bebié noch regelmässig im Betrieb anzutreffen. Während ihre Mutter mit ihrem Rollator gerne auf einen Kaffee vorbeikommt, mit Freundinnen jasst und das Team bei Einpackarbeiten unterstützt, übernimmt ihr Vater ab und zu noch Lieferfahrten. Das Geschäft bleibt für beide ein Herzensprojekt. Oder wie Yvonne sagt: «Es ist ihr Lebenswerk – und das wird es immer bleiben.»
«Das Brot lebt»
Heute arbeiten 21 Mitarbeitende im Unternehmen. Jeden Morgen geht um zwei Uhr das Licht in der Backstube an, am Wochenende noch früher. Ob Brote, Gipfeli, Pralinés oder Fritschipastetli: Alles wird vor Ort frisch hergestellt. Je nach Saison entstehen hier 20 bis 30 verschiedene Pralinésorten, dazu jeden Tag ein gutes Dutzend unterschiedlicher Brotarten – vom Zopf über das traditionelle Ruchbrot bis zum Urdinkelbrot mit Baumnüssen. «Viele Leute staunen heute noch darüber, dass wir wirklich hier hinten produzieren», sagt Yvonne, während sie durch die enge Backstube führt. Viel Platz gibt es in der Tat nicht. Dafür viel Handwerk – und noch mehr Herzblut. «Das Brot lebt», sagt Yvonne. «Im Sommer verhält sich der Teig komplett anders als im Winter.» Gerade dieses Handwerkliche fasziniert sie bis heute. Vielleicht auch, weil es immer seltener wird. Rundherum mussten in den vergangenen Jahren viele kleinere Bäckereien schliessen. «Als ich klein war, gab es noch einige Bäckereien mehr», erzählt sie. Das Umfeld sei härter geworden, Yvonne spürt steigende Rohstoffpreise und höhere Energiekosten ganz direkt – genauso wie die veränderten Gewohnheiten der Kundschaft, die ihre Brote heute immer öfter beim Discounter kauft.

Lernende produzieren Social-Media-Videos
Trotzdem bereute sie den Schritt nie. «Ich hätte es einfach traurig gefunden, wenn das Geschäft nach der Pensionierung meiner Eltern verschwunden wäre.» Dass die Führung eines Betriebs mit sehr viel Arbeit verbunden ist, verschweigt sie nicht. «Als Leiterin einer Bäckerei-Konditorei musst du Herzblut dafür haben, sonst funktioniert es nicht.» Vieles hat Yvonne in den vergangenen Jahren zusammen mit Lisa Frunz-Christen, die sie bei der Geschäftsführung unterstützt, modernisiert: Die Betriebsabläufe wurden effizienter, ein neues Logo wurde kreiert und die Digitalisierung macht auch vor der Traditionsbäckerei nicht Halt. «Früher stellte man ein Preisschild hin und fertig», sagt Yvonne. Heute müsse jedes Produkt elektronisch erfasst und gepflegt werden. Das bedeute zwar zusätzlichen Aufwand, bringe im Alltag aber auch viele Erleichterungen mit sich. Gleichzeitig gehört es für eine Bäckerei heute dazu, auf Social Media präsent zu sein. Eine Mitarbeiterin kümmert sich um die Kanäle, eine Lernende produziert Videos für Instagram und Facebook. Künftig möchte Yvonne noch stärker zeigen, was hinter den Kulissen passiert. «Ich glaube, das könnte viele interessieren.» Gleichzeitig wird bei Bebié vieles bewusst beibehalten aus der Vergangenheit. Manche Rezepte stammen noch vom Vorgänger ihrer Eltern. Und jedes Kind erhält bei Bebié noch immer ein kleines Guetzli geschenkt. «Wie früher beim Metzger das Stück Wurst», sagt Yvonne. «Das schafft Verbundenheit.»
Ein Stück Heimat mitten in der Neustadt
Überhaupt scheint Verbundenheit eines ihrer wichtigsten Wörter zu sein. Yvonne kennt viele Kundinnen und Kunden seit Jahren. Manche kamen früher als Kinder vorbei und stehen heute mit ihren eigenen Kindern im Laden. «Das berührt mich schon», sagt sie. Gerade ältere Menschen würden es schätzen, wenn jemand kurz Zeit für einen Schwatz habe.
Yvonne selbst lebt heute in Adligenswil. Fast 30 Jahre wohnte sie jedoch direkt über der Bäckerei. Und obwohl sie die Ruhe des Dorfes liebt, schlägt ihr Herz weiterhin für die Neustadt. «Man kennt sich auf der Strasse», sagt sie. Besonders rund um den Helvetiaplatz kaufe sie bis heute gerne ein. Gleichzeitig habe sich das Quartier in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert. Früher habe es noch mehr inhabergeführte Geschäfte gegeben: Blumenläden, Metzgereien, Bäckereien oder den kleinen Lebensmittelladen beim Obergrund. «Man kannte sich besser und hat sich gegenseitig unterstützt», erinnert sie sich. «Wir haben bewusst bei anderen Quartiergeschäften eingekauft und aufeinander achtgegeben.»
Heute gebe es mehr Wechsel und mehr Anonymität. Umso wichtiger sei es, das Quartierleben aktiv mitzugestalten – sei es als Gewerbetreibende oder durch ein Engagement im Quartierverein. «Ein lebendiges Quartier entsteht nicht von allein», sagt Yvonne. Ihre eigene Verbundenheit mit der Neustadt ist derweil bis heute ungebrochen. «Ich wohne zwar nicht mehr hier, aber in der Neustadt fühle ich mich immer noch daheim.» Vielleicht beschreibt genau das auch die Rolle der Bäckerei Confiserie Bebié im Quartier. Sie ist nicht einfach ein Ort für Brot und Gipfeli, sondern ein Stück Alltag, Erinnerung und Verlässlichkeit in einer Stadt, die sich ständig wandelt.
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