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Neil Armstrong in Mutters Coiffeursalon

Mit ihren Hunden ist Mirian Stalder im Quartier eine bekannte Erscheinung. Dass sie aus einer Familie aussergewöhnlicher Frauen stammt, wissen die wenigsten. Und dass in Mutters Coiffeursalon einst Hollywoodstars und der erste Mensch auf dem Mond ein und aus gingen auch nicht.

01.09.2026 | Robert Bossart (Text) und Louise Runkel (Foto)

«Du fühlst dich nie allein, bist hier immer in Gesellschaft. Es ist ein grosses Miteinander, ein Füreinander. Das hat mich geprägt.» Mirian Stalder betrachtet es als Privileg, dass sie im Hirschmatt-Neustadtquartier leben darf. «Ich wohne am schönsten Ort, den es gibt», sagt die 64-Jährige. Mit ihren vier Hunden ist sie oft auf der Strasse anzutreffen. Dass sie immer wieder kurze Gespräche führen kann, vor allem mit älteren Leuten, die sie noch von früher kennt, schätzt sie sehr.

Manchmal bringt sie einem Obdachlosen, der auf einem Bänkli schläft, einen Kaffee oder etwas Kleines zum Essen. Sie habe ein schönes Leben gehabt, deshalb könne sie auch etwas zurückgeben, sagt sie und schmunzelt. Über ihr Leben möchte sie gar nicht so viel erzählen, betont sie anfangs. Im Mittelpunkt stehe sie nicht gern. Wobei: Das eine oder andere wird sie im Laufe des Gesprächs dann doch preisgeben.

Als ein Altstadtbesuch noch ein Abenteuer bedeutete

Mirian Stalder wohnt am Kauffmannweg 29, in jenem Haus, in dem auch ihre mittlerweile verstorbenen Eltern und Grosseltern gelebt haben. Sie erinnert sich, wie sie als Kind geweint hat, wenn sie von ihrem Fenster aus miterleben musste, wie auf dem Helvetiaplatz einer ihrer geliebten Kastanienbäume gefällt wurde. Auf dem Platz hat sie oft mit anderen Kindern gespielt. «Auf den Parkbänken sassen ältere Frauen, die strickten, uns zuschauten und aufpassten, dass wir keinen Blödsinn machten. Meist reichte ein strenger Blick und wir wussten, was es geschlagen hatte», erzählt sie. Ihre Welt waren dieser Platz und das Quartier. In die Altstadt zu gehen sei damals noch etwas ganz Spezielles gewesen. «Das fühlte sich an, als ob wir in die grosse, weite Welt reisen würden. Es war ein Abenteuer.»

Mirian Stalder ist in Luzern geboren und hat – abgesehen von einigen Jahren in Emmenbrücke und Lugano – ihr ganzes Leben hier verbracht. Als sie im Jahre 1993, mit 31, heiratete, zog sie mit ihrem mittlerweile verstorbenen Mann zurück in das Haus am Helvetiaplatz. Bis ihr Sohn zur Welt kam, arbeitete sie während rund zwölf Jahren als Geschäftsführerin eines Coiffeursalons. Auch ihr Sohn lebt heute im Quartier und führt damit eine lange Tradition weiter. Die Familie ist nämlich eng mit der Geschichte des Quartiers verbunden.

Bekannte und geachtete Grosseltern

Mirian Stalders Grossvater, Andreas Stalder, war 1906 Mitgründer des ersten Quartiervereins Hirschmatt-Neustadt. Zudem war er Dampfschifffahrtskapitän und genoss damit hohes Ansehen in der Nachbarschaft. Seine Frau, Paula Stalder-Bucher, führte das Restaurant Edelweiss, wo inzwischen der Blumenladen Floradiso untergebracht ist. Später wirtete sie im damaligen Restaurant Schweizergarten am Bundesplatz, dem heutigen FCL-Lokal Zone 5. Wie sie von ihrer Grossmutter erfahren habe, sei diese zwar damals nicht die einzige Frau gewesen, die gewirtet habe. Dennoch, so versichert die Enkelin, sei ihre Grossmutter eine angesehene Persönlichkeit gewesen. «Meine Grosseltern waren im Quartier weitherum bekannt, wurden geachtet und verkehrten in den vornehmeren Kreisen der Umgebung.»

Hollywood-Berühmtheiten gingen ein und aus

Noch bekannter waren ihre Eltern. Ihre Mutter, Elsy Stalder, führte über viele Jahre im Haus am Kauffmannweg einen angesehenen und bekannten Coiffeursalon – mit acht Filialen in der ganzen Schweiz, unter anderem auf dem Bürgenstock und in Ascona. Sie war eine international tätige Coiffeuse und Stylistin und damit mehr als «nur» im Raum Luzern bekannt. «Ihre Frisur-Kreationen waren bis in die USA gefragt», sagt Mirian Stalder. In der Publikation «Neustadt Nacht» aus dem Jahr 2013 ist zu lesen, dass sogar Schauspielerinnen wie Sophia Loren, Audrey Hepburn oder der «Tarzan»-Darsteller Lex Barker auf ihrem Coiffeurstuhl Platz genommen haben. Daran kann sich Mirian Stalder gut erinnern, und sie ist stolz auf ihre Mutter. «Elsy Stalder war eine der ersten Frauen, die in dieser Zeit im Quartier ein eigenes Geschäft betrieben haben. Sie war für die damalige Zeit eine Art Feministin und Vorreiterin.»

Mit dem Sohn von Audrey Hepburn gespielt

Regelmässig war Elsy Stalder wegen ihrer Frisur-Schöpfungen auf Reisen, in Paris, Deutschland, in den USA. Sie kam mit vielen berühmten Schauspielerinnen und Schauspielern und anderen bekannten Menschen in Kontakt. Weshalb war sie so gefragt? «Meine Mutter konnte einfach alles. Neben ihrer Begabung als Coiffeuse war sie auch eine begnadete Schneiderin und generell eine exzellente Modistin», sagt die Tochter. Ab und zu durfte sie auf einer Reise mit dabei sein. So lernte sie schon als Kind die glamouröse Welt der Mode, der Schönen und Reichen kennen. Mirian Stalder war damals nicht bewusst, wer da bei ihrer Mutter jeweils ein und aus ging. So spielte sie beispielsweise ganz unbekümmert mit dem Sohn von Audrey Hepburn, während diese von der Mutter frisiert wurde. «Ich konnte zwar kein Englisch, aber wir verstanden uns trotzdem gut», erinnert sie sich.

Promi-Party im Keller

Aber damit nicht genug: Ihr Vater, Werner Stalder, dessen grosse Leidenschaft die Fliegerei war, war dabei, als 1972 bei der Eröffnung der neuen Raumfahrthalle im Verkehrshaus unter anderem mit Neil Armstrong der erste Mann auf dem Mond zugegen war. Und so kam es, dass der berühmte Amerikaner sich bei Elsy Stalder die Haare schneiden lassen wollte. Irgendwie fehlte im letzten Moment die Zeit dafür, aber immerhin war er im Salon der Mutter, erinnert sich Mirian Stalder.

Doch damit endet die Geschichte noch nicht. «An diesem Abend war einiges los bei uns im Haus. Meine Eltern hatten im Keller eine private Bar. Da waren neben Neil Armstrong einige andere Berühmtheiten anwesend und tranken ein Gläschen oder zwei, unter anderem der kürzlich verstorbene Schweizer Raumfahrtexperte Bruno Stanek.»

Waghalsige Gletscherlandungen des Vaters

Mirian Stalder betont, dass ihre Mutter trotz allem stets bescheiden geblieben und ihr der ganze Rummel nicht zu Kopf gestiegen sei. «Mein Vater war auf eine Art ihr Manager und schaute, dass alles gut organisiert war und sie ihre Bodenhaftung nicht verlor.» Auch er war kein Unbekannter im Quartier. Einerseits betätigte er sich als Privatpilot und absolvierte mit dem damals bekannten Rettungspiloten Hermann Geiger einige waghalsige Gletscherlandungen. Werner Stalder besass ein Flugzeug mit dem Namen «Norécrin», das heute im Fliegermuseum Dübendorf ausgestellt ist.

In der Freizeit Theaterschauspieler frisiert

Und die Tochter? Mirian Stalder zuckt mit den Schultern. Natürlich hätten sie ihre Eltern und Grosseltern inspiriert, gibt sie zu. Aber wie schon anfangs erwähnt, stehe sie nicht gern im Mittelpunkt. Immerhin nahm auch sie als Coiffeuse an Preisfrisierwettbewerben und Modeschauen teil und verbrachte einen Teil ihrer Freizeit damit, für Theaterbühnen Schauspielerinnen und Schauspieler zu frisieren und zu schminken. «Das war eine schöne, aber auch anstrengende Zeit – schliesslich arbeitete ich ja auch noch fünfeinhalb Tage pro Woche im Coiffeurgeschäft.»

Ein Hufschmid am Kauffmannweg

An ihre Kindheit hat Mirian Stalder nicht nur lebhafte Erinnerungen, was ihre Familie betrifft, sondern auch daran, wie das Hirschmatt-Neustadt-Quartier in den späten Sechzigerjahren ausgesehen hat. Dass es am Kauffmannweg 22 den Hufschmied Schwerzmann gegeben hat, weiss sie zwar nur aus den Erzählungen ihrer Grossmutter. Aber an die Autogarage, die daraus entstand, kann sie sich gut erinnern. «An der gleichen Strasse waren zahlreiche kleine Gewerbetriebe ansässig und es hatte viele Comestibles-Geschäfte und andere kleine Läden. Wenn wir einkaufen gingen, klapperten wir ein Geschäft nach dem anderen ab, bis wir alles hatten.»

Vom betulichen Belle-Époque- zum quirligen Trendquartier

Mirian Stalder hat in ihrer Jugend auch miterlebt, wie sich das Quartier, das während der Belle Époque, von 1898 bis 1913, erbaut worden war, allmählich veränderte. Neue Gebäude mit Büros verdrängten einige der alten Bauten, und das Quartier wurde vom reinen Wohn- zu einem belebten, durchmischten Zentrum. Eine Entwicklung, die ihr, dem «Quartier-Urgestein», eigentlich gefällt. «Weil hier ab den Achtzigerjahren zunehmend mehr Menschen arbeiteten, entstanden auch immer mehr Cafés und Restaurants. Das macht unser Quartier attraktiv und lebendig.»

Sie räumt aber ein, dass es auch mühsame Nebenerscheinungen gebe. «Es ist lauter geworden, vor allem nachts.» Sie selbst habe Nachtschwärmer schon darauf aufmerksam gemacht, dass hier Menschen lebten, die Schlaf benötigten. Das sei nun mal die Kehrseite der Beliebtheit des Quartiers. Aber, betont Mirian Stalder, sie wolle nicht jammern. Immer noch sei es der schönste Ort zum Leben. «Und immer noch erlebe ich die Verbundenheit mit den Menschen. Das ist es, was für mich zählt.»

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