Sie kam für einen Sommer – und blieb für immer
1940er-Jahre in Kalifornien, eine Reise im Frachtschiff über den Atlantik und fast sieben Jahrzehnte Neustadt: Babette Burri blickt auf ein aussergewöhnliches Leben zurück. Die 88-Jährige erzählt von ihrer grossen Liebe, ihrer Familie und einem emotionalen Lebenskapitel, das sich langsam dem Ende zuneigt.
01.09.2026 | Daniel Schriber (Text) und Louise Runkel (Foto)

«The Burris» steht auf dem kleinen Schild neben der Wohnungstür im fünften Stock an der Bleicherstrasse 7. Als sich die Tür öffnet, fühlt es sich an, als würde man eine andere Welt betreten. Die verwinkelte Wohnung erstreckt sich über zwei Stockwerke und umfasst sechseinhalb Zimmer. Dunkle Holzmöbel, Teppiche, Fotos und andere Erinnerungsstücke prägen die Räume. Draussen herrscht an diesem warmen Sommertag geschäftiges Treiben, doch hier oben ist davon kaum etwas zu hören. Fast scheint es, als sei die Zeit stehen geblieben. «Was möchtest du wissen?», fragt Babette Burri und stellt eine Karaffe mit kaltem Wasser auf den Tisch. Die Frage ist berechtigt. Denn wie fasst man für dieses Portrait ein Leben von 88 Jahren auf wenigen Seiten zusammen?
Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg
Babette Burri wurde 1938 als Tochter von Herman und Violet Fanger in der kalifornischen Kleinstadt Piedmont nahe San Francisco geboren. Dorthin war ihr Vater 1916 als 20-jähriger Mann aus Kerns OW ausgewandert. Nachdem ihm Ärzte nach einem schweren Stromschlag nur noch wenig Lebenszeit vorausgesagt hatten, wollte er die ihm verbleibenden Jahre nicht in der Heimat verbringen, sondern noch einmal ein Abenteuer wagen. «Mein Vater war ein besonderer Mensch», erzählt Babette. «Er verstand die Natur und hatte für jedes Problem eine Lösung.»
Von ihrer Kindheit sind ihr viele Erinnerungen geblieben. An die Erdbeben beispielsweise, von denen es in Kalifornien immer wieder welche gibt. «Mein Vater spürte immer schon vorher, wenn eines kommen würde.» Zum Alltag gehörten damals auch Begegnungen mit Schlangen. Selbst Klapperschlangen im Garten oder in der näheren Umgebung waren keine Seltenheit. «Angst hatten wir nie», erzählt Babette. «Mein Vater hob die Tiere auf, als wäre nichts dabei.» Und auch der Zweite Weltkrieg hinterliess Spuren in ihrer Kindheit. Nach dem Angriff auf Pearl Harbor Ende 1941 mussten in Kalifornien regelmässig die Fenster verdunkelt werden – aus Angst vor weiteren japanischen Angriffen. «Dann liessen wir die Storen herunter und sassen im Dunkelraum meines Vaters, wo er normalerweise seine Fotos entwickelte.»
Alles begann mit einer Reise nach Obwalden
Als Babette sieben Jahre alt war, zog die Familie nach Los Gatos südlich von San Francisco. Der Ort, der heute zum Silicon Valley zählt, war damals ein beschauliches Dorf. «Wir hatten ein grosses Haus mit viel Umschwung. Heute wäre das unbezahlbar.» Babette war das Nesthäkchen der Familie. Sie wuchs mit vier älteren Geschwistern und Halbgeschwistern auf und genoss eine glückliche Kindheit. Die trockene kalifornische Wärme, die weiten Landschaften und das Leben im Freien prägten sie. Dass sie eines Tages ausgerechnet in Luzern landen würde, hätte sie sich damals nie träumen lassen. Seinen Anfang nahm alles mit einer Reise: Als sie 16 war, schickte ihr Vater sie über die Sommerferien in die Schweiz. Sie sollte ihren Onkel besuchen, der als Pfarrer in Kerns OW tätig war, und ihn anschliessend bei seiner Reise in die USA begleiten. So kam die junge Amerikanerin erstmals in die Heimat ihrer Eltern.
«In fünf Jahren heiraten wir»
Über familiäre Verbindungen wurde sie damals zu einem Mittagessen nach Luzern eingeladen – an die Bleicherstrasse 7, in eben jenes Haus, in dem wir Jahrzehnte später dieses Gespräch führen. Hier war 1933 Oscar Burri zur Welt gekommen, hier wuchs er auf, hier betrieb sein Vater das Käselager der Familie. Und hier lernte Babette eben jenen jungen Luzerner kennen, der später ihr Mann werden sollte. Die beiden mochten sich auf Anhieb, doch es war nicht Liebe auf den ersten Blick – zumindest nicht für sie. Oscar hingegen schien sich seiner Sache ziemlich sicher zu sein. Als sie sich nach den Ferien verabschiedeten, sagte der junge Mann zu ihr: «In fünf Jahren kommst du zurück, und dann heiraten wir.» Babette lacht noch heute über diesen Moment. «Ich dachte nur: Jaja, das werden wir dann sehen.»
«The Story of Bäbäli and Oscarino»
Zurück in Amerika blieb sie mit Oscar in Kontakt. Sie schrieben sich regelmässig Briefe. Und Oscar fand immer wieder kreative Wege, seiner Babette zu zeigen, wie wichtig sie ihm ist. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihr ein Fotobuch, das er ihr damals schickte. Auf dem Titel steht: «The Story of Bäbäli and Oscarino – Consequences of a Vacation in Switzerland». Daneben kleben Bilder einer amerikanischen und einer Schweizer Flagge. Im Buch folgen Fotos, kleine Gedichte, liebevolle Texte und gemeinsame Momente. Mehr als ein halbes Jahrhundert später liegt dieses Buch noch immer in der Wohnung an der Bleicherstrasse. «So war er», sagt Babette und streicht mit der Hand über den Einband. «Liebevoll, kreativ, mit einem grossen Sinn für Humor.»

Der Weg zurück zu Oscar
Nach der Highschool begann Babette am San José State College eine Ausbildung zur Krankenschwester. Doch das Studium sollte sie nie abschliessen: 1959 beschloss ihr Vater, für einen längeren Ferienaufenthalt in die Schweiz zu reisen. «Ich wollte in den USA bleiben und mein Studium abschliessen. Aber damals wurde nicht diskutiert. Es hiess einfach: Du kommst mit!» Für Babette hatte dieser Entscheid immerhin einen erfreulichen Nebeneffekt: Sie traf Oscar wieder. Und schon bald wusste sie, wo ihre Zukunft liegen sollte. Sie brach ihre Ausbildung ab, jobbte noch eine Zeitlang und traf schliesslich einen Entschluss: Sie wollte zurück zu Oscar. Dieses Mal für immer.
Mit dem Frachtschiff ins neue Leben
Die Reise nach Europa wurde zum Abenteuer. Statt mit dem Flugzeug zu reisen, fuhr sie mit einem Frachtschiff von San Francisco durch den Panamakanal nach Europa. Ihr Hab und Gut hatte sie dabei. Insgesamt elf Passagiere befanden sich an Bord. «Ich war mit 21 Jahren die Jüngste», erinnert sie sich. «Die anderen passten auf mich auf und kümmerten sich während der rund dreiwöchigen Überfahrt um mich.» Als sie schliesslich Europa erreichten, wartete in Luzern bereits Oscar auf sie. Kurz darauf verlobten sich die beiden. Die Nachricht schaffte es sogar in eine kalifornische Lokalzeitung. 1959 gaben sich Babette und Oscar das Ja-Wort.
Deutsch lernen beim Einkaufen
An der Bleicherstrasse begann für Babette ein völlig neues Leben. Deutsch sprach sie kaum, einen Sprachkurs besuchte sie nie. «Ich lernte die Sprache beim Einkaufen.» Im damaligen Lebensmittelgeschäft Fuchs an der Ecke zeigte sie auf Äpfel, auf eine Gurke, eine Flasche Milch: «Wie heisst das? Und das? Und das?» Die Leute hätten ihr geduldig alles erklärt. «Die Menschen waren wirklich flott und haben mich mit offenen Armen aufgenommen.» Trotzdem hatte sie natürlich Heimweh. Die Familie war weit weg, das Telefonieren über den Atlantik war teuer und kompliziert. Oft vergingen Jahre, bis man sich wiedersah. «Wenn es damals schon Whatsapp oder Facetime gegeben hätte – ich hätte es geliebt.»
«Du hast meinen Segen. Aber …»
Die Neustadt war damals eine andere. Überall gab es kleine Geschäfte, Metzgereien, Bäckereien und Handwerksbetriebe. Fast alles, was man für den Alltag brauchte, fand sich direkt im Quartier. «Man kannte die Leute und erledigte alles zu Fuss», erinnert sich Babette. Erst mit dem Aufkommen der grossen Einkaufszentren seien viele dieser Läden verschwunden. Ihr Mann Oscar arbeitete damals nebenan im Käselager seines Vaters an der Bleicherstrasse 11; später übernahm er das Geschäft. Er importierte hochwertigen Parmesan aus Italien und exportierte Schweizer Sbrinz ins Ausland. Als die beiden 1959 heirateten, soll Babettes Vater zu seinem Schwiegersohn gesagt haben: «Du hast meinen Segen. Aber ich will jedes Jahr einen grossen Laib Käse.» Und den habe er tatsächlich bekommen, erzählt Babette lachend. Käse liebt sie bis heute. «Oh ja, aber nur guten!»
Familienleben an der Bleicherstrasse
Während Oscar das Geschäft führte, kümmerte sich Babette um Haushalt, Hunde und die drei Kinder, die innerhalb weniger Jahre zur Welt kamen. «Das war happig», sagt sie und lacht. Für alle Parteien im Haus stand nur eine Waschmaschine zur Verfügung. Gewaschen werden konnte nur alle acht Wochen. Die Stoffwindeln der Kinder reinigte sie oft von Hand in der Badewanne. Irgendwann schenkte ihr Oscar eine Trockentrommel; sie steht heute noch in der Wohnung. Überhaupt ist vieles geblieben. Rund um den massiven Holztisch, an dem wir sitzen, stehen Möbelstücke, die Babette seit Jahrzehnten begleiten – einige davon kamen einst aus Kalifornien. Als ihre Eltern das Haus in Los Gatos aufgaben, schickte ihre Violet, Babettes Mutter, ihr einen Teil der Einrichtung in die Schweiz.
Ihre Freizeit verbrachte die Familie oft im Napfgebiet. Besonders eng verbunden fühlten sich die Burris einem Bauernhof im Kurzhubel bei Luthern. Dort verbrachten sie Wochenenden und Ferien. «Das waren wunderschöne Jahre», sagt Babette. «Die Menschen dort sind wie eine zweite Familie geworden.»

Familie ist über ganzen Globus verstreut
Ihre eigene Familie lebt heute über die ganze Welt verstreut. Tochter Barbara wohnt in New Jersey, Sohn Jean-Pierre in Australien und Tochter Marianne im französischen Avenches. «Triple A», nennt Babette das lachend. «Amerika, Australien und Avenches.» Dass ihre Kinder einst so weit wegziehen würden, hätte sie sich früher kaum vorstellen können. Doch wie ihre Mutter einst für die Liebe nach Luzern zog, folgten auch die Kinder ihrem Herzen. Dank moderner Technik bleibt sie mit allen in Kontakt. Regelmässig telefoniert sie mit ihnen und den sieben Enkeln und mittlerweile sogar zwei Ur-Enkeln. Stolz zeigt sie ein Video des zweijährigen Jack aus New Jersey.
Wenn Babette von ihrer Familie spricht, strahlen ihre Augen. Wenn sie von Oscar erzählt, werden sie feucht. 2003 starb ihr Mann überraschend nach gesundheitlichen Komplikationen. Auch nach mehr als 20 Jahren fällt es ihr schwer, darüber zu sprechen. «Es war hart, wirklich sehr hart.» Als wäre der Verlust nicht schon Prüfung genug gewesen, musste sie selbst kurze Zeit später auch gesundheitlich eine schwere Zeit durchstehen: Bei ihr wurde Krebs diagnostiziert. Doch Babette kämpfte sich zurück ins Leben. Nach dem Tod ihres Mannes blieb sie in der Wohnung. Dort, wo sie gemeinsam fast ihr ganzes Leben verbracht hatten.
Emotional schwierige Wohnungskündigung
Vielleicht ist das der Grund, weshalb sie ein Thema besonders schwer belastet. Nach fast 70 Jahren wird Babette Burri die Wohnung an der Bleicherstrasse verlassen müssen. Das Haus wurde verkauft. Noch bleibt ihr etwas Zeit, vielleicht zwei oder drei Jahre – doch der Umzug ist Tatsache ist da. «Ich verdränge das Thema», sagt sie. Gleichzeitig weiss sie, dass sie ein Zuhause verlieren wird, das sie fast ihr ganzes Erwachsenenleben begleitet hat. Eine Wohnung voller Erinnerungen, einen Ort, an dem ihre Lebensgeschichte in jeder Ecke sichtbar wird. Am liebsten würde sie im Neustadtquartier bleiben. Vielleicht ergibt sich in der Nähe eine Möglichkeit, sagt sie, eventuell am nahe gelegenen Neuweg: «We will see.»
Trotz ihres Alters strahlt Babette noch immer eine grosse Lebenslust aus. Sie geht regelmässig spazieren, erledigt ihre Einkäufe selbst und setzt sich gerne ins Bleicher-, Vögeli- oder Helvetiagärtli. Sie verfolgt das Geschehen im Quartier, pflegt den Kontakt zu Nachbarinnen und Nachbarn und ist Teil des Whatsapp-Chats ihres Hauses. Bald wird sie die Wohnung verlassen müssen. Was von diesen fast 70 Jahren bleibt, passt in keinen Umzugswagen.
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