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Gemobbt, gefeiert, gefallen – und nie aufgegeben

Er war «der neue Stern im Schweizer Profi-Boxen». Doch die härtesten Kämpfe trägt Giovanni Iemma seit seiner Kindheit mit sich selbst aus. Begegnung mit einem Menschen, der ganz anders tickt, als man denkt.

01.09.2026 | Luca Wolf (Text) und Louise Runkel (Foto)

Bomberjacke, Muckis, Tattoos, Bart, laute Raucherstimme: Wer Giovanni Iemma nicht kennt, ist auf den ersten Blick vielleicht etwas eingeschüchtert von seinem Auftreten. Auf mich wirkte er immer etwas unberechenbar. Deshalb ging ich ihm jahrelang aus dem Weg, obwohl wir im gleichen Quartier wohnen. Für dieses Portrait habe ich ihn mehrmals getroffen – nun sehe ich ihn mit anderen Augen. Das ist seine Geschichte.

Als Bub aus dem Nachtclub geworfen

Giovanni ist ein Ur-Hirschmättler, hier geboren und geblieben. Seine Eltern sind Anfang der 1960er-Jahre der Arbeit wegen von Gallo Matese in der Nähe von Neapel nach Luzern an die Dornacherstrasse gezogen. Schnell wuchs die Familie auf fünf Personen an, Giovanni war das mittlere von drei Kindern. Mit seinen Eltern und den zwei Schwestern zügelte die Familie alle paar Jahre, aber immer innerhalb des Quartiers.

Gerne erinnert sich Giovanni an unbeschwerte Nachmittage im Vögeligärtli. «Dort hatte es zwei Tore, und wir konnten stundenlang tschutten.» Lebhafte Erinnerungen hat er auch an den Nachtclub Mascotte an der Ecke Waldstätter-/Dornacherstrasse. «Dort habe ich mich als kleiner Bub oft reingeschlichen – bis sie mich erwischt und rausgeworfen haben.» Heute wohnt Giovanni mit seiner Frau in der Nähe des Bundesplatzes. Auch seine Eltern, inzwischen 83- bzw. 81-jährig, leben immer noch im Quartier. «Ich habe zu allen ein gutes Verhältnis – natürlich, denn das ist das Wichtigste!»

«Meine Mutter tut mir heute noch leid»

Das heute gute Verhältnis war jedoch lange Zeit belastet. Denn Giovanni war schon als Kind anders. «Meine Mutter tut mir heute noch leid», sagt er, blickt zum Himmel und beginnt zu erzählen. Dabei sucht er oft angestrengt nach den richtigen Worten. Manchmal rutscht ihm ein italienisches dazwischen, manchmal beginnt er einen Satz, bricht ab und fängt von vorne an. Kein Wunder bei diesem bewegten Leben.

«Ich war ein hyperaktives Kind, schlecht in der Schule. Und ich war auch etwas übergewichtig. Ich wurde ständig provoziert, es gab viele Schlägereien. Die anderen Kinder beschimpften mich: ‹Du blöder Ausländer, du Tschingg! Du stinkst! Du bist dumm!› Das war schwierig, damals als Ausländer hier, das kannst du dir gar nicht vorstellen. Aus der Schule bin ich ständig abgehauen. Wenn meine Mutter mich zurückgebracht hat, bin ich gleich wieder weggerannt. Ob Ritalin geholfen hätte, weiss ich nicht. Unser Arzt sagte damals, das sei nicht nötig, ich sei Italiener, und die hätten halt mehr Temperament.»

«Die Leute haben keine Ahnung, was mir Böses angetan wurde»

Und dann ist da noch diese Geschichte, die Giovanni mir erst beim dritten Treffen erzählt. Eine, die ihn bis heute verfolgt. «Es gab da einen Mann im Quartier. Der hat mir immer mal wieder eine Münze geschenkt. Ich war da gut sieben Jahre alt. Er hat mir auch immer gesagt, was für ein schöner Bub ich sei.» Einmal habe ihn der Mann zu sich nach Hause gelockt. Giovanni stockt beim Erzählen, wirkt enorm angespannt. «Irgendwas ist dann passiert mit mir. Ich habe keine Erinnerung daran, aber irgendwas. Die Leute denken, ich sei böse, aber sie haben keine Ahnung, was mir Böses angetan wurde.»

Er habe, sagt Giovanni, das noch nicht vielen Menschen erzählt. «Dir erzähle ich es nicht, um Mitleid zu bekommen, sondern weil ich den Leuten mitgeben will: Wenn Kindern so was passiert, müssen sie den Mut haben, es ihren Eltern zu sagen! Und die müssen sie ernst nehmen!» Er getraute sich damals nicht, seinen Eltern vom Übergriff zu erzählen. Jahre später, als junger Bursche, begegnete Giovanni diesem Mann per Zufall auf der Strasse. «Ich wollte ihn eigentlich zusammenschlagen. Aber mir war klar, dass mir niemand meine Begründung geglaubt hätte. Deshalb habe ich entschieden, ihm zu verzeihen.» Das heisse aber nicht, betont Giovanni, dass er das alles vergessen könne.

Gewalt auch im Jugendheim

Wohl auch wegen dieses Erlebnisses geriet Giovannis Leben noch mehr aus den Fugen. Die Eltern waren bald völlig überfordert mit ihm und schickten den zwölfjährigen Buben deshalb für zwei Jahre ins Jugendheim Knutwil. «Ich war ein Schwererziehbarer. Im Heim wurde es aber nicht besser. Die älteren Kinder dort haben mich oft verprügelt und ausgelacht. Einmal, auf einem Ausflug, haben sie mich gefesselt und gefoltert. Irgendwann habe ich in den Spiegel geschaut und mir gesagt: ‹Jetzt ist Schluss damit!› Von diesem Tag an liess ich mir nichts mehr gefallen.»

Halt gefunden im Krafttraining und in der Liebe

Nach dem Aufenthalt im Jugendheim entdeckt der damals etwa 14-jährige Schulabbrecher Giovanni zum ersten Mal ein Ventil für seine innere Unruhe: Krafttraining. «Ich ging einfach mal ins damalige Gold-Gym in der Altstadt. Eigentlich durfte man dort erst ab 16 rein. Aber ich kannte jemanden. Der hat gesagt: ‹Komm und trainiere hier, dann machst du draussen keinen Scheiss!› Mit 15 habe ich schon 100 Kilo gestemmt. Von da an habe ich auch einige Kampfsportarten ausprobiert.» Versuche, eine Lehre zu machen, haben jedoch nicht funktioniert. Eine Lehre als Coiffeur: abgebrochen. Eine Lehre als Automech: abgebrochen. Also hat Giovanni halt Bier an FCL-Spielen verkauft und auf dem Bau als Hilfsgipser gearbeitet.

Einen enorm wichtigen Halt fand er als 20-Jähriger. «Damals habe ich meine Frau kennengelernt. Sie hat im Casino gearbeitet, war auch Model.» Von diesem Tag an sei alles besser geworden, sagt Giovanni. «Wegen der Liebe, die sie mir gegeben hat.» Seine Frau habe ihm das Gefühl gegeben, auch jemand zu sein. «Durch sie bin ich mehr zu dem geworden, der ich wirklich bin. Wir sind noch immer zusammen, ich und mein Schnugibuz, seit 38 Jahren.»

In den kommenden Jahren konnte Giovanni trotz fehlender Ausbildung für seinen Lebensunterhalt immer selbst aufkommen. Mal hat er als Masseur gearbeitet, mal als Türsteher, mal als Fitnessinstruktor.

Physische Verfassung? «Einfach nur erbärmlich»

1996, im Alter von 28, entschloss sich Giovanni, Boxer zu werden. Warum Boxen? «Ich wollte mich selbst kennenlernen. Rausfinden, wo ich hingehöre. Aus mir rauskommen. Lernen, mit der Gewalt umzugehen. Und ich suchte den Adrenalinkick.» Trainiert werden wollte er unbedingt vom schweizweit bekannten «Box-Guru» Reinhard Meier vom Boxclub Winterthur. Meier erinnert sich an Giovanni, wie auf swissboxing.ch nachzulesen ist: 

«Eines Tages stand ein stark übergewichtiger Mann vor mir und sagte: ‹Ich habe gehört, du seist der Beste – mach aus mir einen Boxer!›  Worauf ich es mit einem extrem harten Spezialtraining versuchte.» Meier zweifelte zunächst an Giovannis mentalen Fähigkeiten, überdies war seine physische Verfassung «einfach nur erbärmlich». Doch Meier und Giovanni, das passte irgendwie zusammen. Und nur zwei Jahre später war der Italoschweizer Giovanni Iemma, 30, aus Luzern, Amateur-Schweizermeister im Mittelgewicht. Gleich danach wechselte Giovanni ins Profilager –wo ihn die Medien als «neuen Stern im Schweizer Profi-Boxen» feierten. «Das hat mir gutgetan, hat mir etwas Selbstvertrauen gegeben.»

Vor 6000 Fans in Kiew nur knapp verloren

Es war aber erst der Auftakt seiner Boxkarriere. Seinen Höhepunkt erlebte er 2004 in Kiew. Dort kämpfte «The Pride of Italy», wie sein Kampfname lautete, um den IBF-Interkontinental-Titel im Halbschwergewicht. Vor 6000 Fans zeigte Giovanni gegen Lokalmatador Vadim Safonow einen beherzten Kampf. Er verlor nur knapp nach Punkten. Und das, obwohl er, wie damals vor jedem Wettkampf, auch dieses Mal zwei Päcklein Marlboro Rot geraucht hat.

Danach boxte Giovanni noch bis 2009 weiter, mehr oder weniger erfolgreich. Nach 27 Profikämpfen mit zwölf Siegen, vierzehn Niederlagen und einem Unentschieden war Schluss. Zehn Jahre lang konnte er vom Boxen halbwegs leben – «eher überleben», präzisiert er.

Der grosse Absturz

So hart seine Boxkämpfe auch waren – das, was danach kam, war viel brutaler: Absturz, Burnout, Panikattacken, Depressionen. Giovanni erzählt auch das schonungslos offen. Es fällt ihm jedoch immer schwerer, das Erlebte in Worte zu fassen. «Der Absturz war wie ein Erdbeben. Brutal. Ich war ganz unten, hatte nichts mehr. Ich verlor plötzlich meine Persönlichkeit, ich hatte ja nur das Boxen.» Ohne das Boxen kreisten ununterbrochen negative Gedanken in Giovannis Kopf. «Meine Komplexe kamen hoch. Ich hatte Existenzängste. Einmal wollte ich mich umbringen. Aber Gott hat mich beschützt, mir geholfen, es nicht zu tun.»*

Oft getraute sich Giovanni vor lauter Angst kaum, seine Wohnung zu verlassen. «Ich wäre fast durchgedreht, hatte das Gefühl zu ersticken. In dieser Zeit begann ich zu laufen, 20 Kilometer pro Tag. Gegen die innere Unruhe. Das war eine schlimme Phase. Ich sah kein Licht mehr. Ich war in der Hölle.»

Nächtliches Duschen gegen Unruhe

Erholt hat sich Giovanni von diesem Absturz nur halbwegs. Einer Erwerbsarbeit nachzugehen, war und ist seither unmöglich. Immerhin hat sich sein Zustand stabilisiert, Giovanni geht’s psychisch ein bisschen besser. Wobei er in der Regel noch immer jede Nacht drei Mal aufstehen muss, um zu duschen – «damit diese negative Energie, diese Unruhe etwas weggeht und ich wieder schlafen kann». Tagsüber hilft ihm sein täglicher Gang ins Fitnesscenter ein wenig.

Dort trainiert er vor allem seinen Oberkörper, und das mit Erfolg: Der 58-Jährige hat noch immer einen mächtigen Bizeps. Jedoch humpelt er nun schon seit Längerem. Wie ein alter Mann wirkt er dann. «Das liegt an Problemen mit dem Ischiasnerv. Die Schmerzen im Rücken und im Bein sind manchmal brutal. Ich kann oft kaum aufstehen am Morgen.» Seit rund fünf Jahren plagt ihn das zusätzlich. Womöglich sei es eine Spätfolge des Boxens. Profiboxer würde Giovanni übrigens kein zweites Mal werden wollen. «Heute frage ich mich: War ich bescheuert?»

Gottes Segen für jeden

Eine weitere eher überraschende Eigenschaft von Giovanni ist sein Glaube. «Gottes Segen» wünscht er allen und jedem. «Ich bete täglich. Ich habe auch vor jedem Kampf für meinen Gegner gebetet.» Dabei kommt diese Gläubigkeit nicht etwa von seinen Eltern. Die seien zwar auch gläubig gewesen, man habe zuhause aber kaum darüber gesprochen. «Ich war etwa acht oder neun Jahre alt, als ich begann, an Gott zu glauben. Das kam von allein, ich habe das einfach gespürt. Für mich bedeutet Gott aber nicht Kirche, nicht Götzenbilder oder der Vatikan, sondern Energie, Leben, Freiheit, Licht, alles, was mir Kraft gibt, auch das Boxtraining.»

Giovanni und Papst Johannes-Paul der II (zirka 1996)

Predigen auf TikTok

Seit etwa zwei Jahren ist Giovanni auf TikTok aktiv, rund 4000 Personen folgen ihm dort, auf Instagram kommen weitere 2100 Follower und Followerinnen hinzu. Es gibt Dutzende Videos, in denen er sein ausgeprägtes Mitteilungsbedürfnis offenbart. Oft hält er eine Art Predigt. Dann referiert er über Gott und die Welt. Wiederkehrende Themen sind natürlich Gott, der Glaube und das Gebet, sowie Dankbarkeit, Ehrlichkeit, Friede mit sich selbst, Authentizität. Legendär ist auch sein Dauerbrenner, dass man einen Fokus haben müsse im Leben, um etwas zu erreichen. Schlicht mit «Fokus!» enden deshalb viele seiner Botschaften. «Für mich sind die Videos eine Möglichkeit, mit den Leuten in Kontakt zu kommen.»

«Kein Alkohol, kein Nikotin, nichts!»

Einer, der seit 20 Jahren eng mit Giovanni befreundet ist, ist Roman Wipfli. Der 61-Jährige arbeitet nebenbei als Fussballtrainer, früher war er unter anderem beim FCL im Nachwuchsbereich. Er lacht, als er hört, dass ich Giovanni portraitiere. «Es gibt wohl nur einen wie ihn.» Leider werde er oft falsch eingeschätzt. «Er ist unglaublich hilfsbereit. Er kauft zum Beispiel Bettlern ein Brötli und spricht Leute an, von denen er glaubt, dass sie Hilfe brauchen könnten.» Er kenne, sagt Roman, fast keinen anderen, der so seriös lebe wie Giovanni. «Kein Alkohol, kein Nikotin, nichts!» Roman freut sich, dass es Giovanni nach schwierigen Jahren wieder etwas besser geht. Giovanni habe einige gute Freunde gefunden, die ihn hin und wieder sogar in die Ferien einladen würden.

«Ich wünsche mir, dass ich frei bin»

Was wünscht sich Giovanni für die Zukunft? «Dass ich gesundheitlich noch einmal einen Gump mache, dass diese innere Unruhe und die Panikattacken weniger werden. Ich wünsche mir einfach, dass ich frei bin. Und dass ich genug Kraft habe, um mit dem Negativen umzugehen.» 

Giovanni wäre nicht Giovanni, wenn er dieses Portrait nicht dazu nützen möchte, seinen Mitmenschen eine Botschaft mit auf den Weg zu geben: «Geht respektvoll miteinander um. Seid tolerant. Und macht etwas, was euch Freude macht. Fokus!»

Bleibt noch eine letzte Geschichte

Es gäbe noch sehr viel mehr zu berichten über Giovanni Iemma. Etwa wie er einmal den Papst traf und ihm nicht die Hand küssen wollte. Oder wie er für den damaligen FCL-Trainer René van Eck mit seiner «Schreitherapie» die Spieler von Sieg zu Sieg schrie. Oder wie er in Los Angeles einem Schauspieler das Abc des Boxens zeigte. Oder diese Episode, die ich vor rund zehn Jahren beobachtet habe: Als Giovanni abends einen Mann dabei erwischte, wie er gerade ein Auto aufbrechen wollte, warf er ihn zu Boden und schimpfte mit ihm. Als er realisierte, dass der Mann ein Süchtiger war, und weder etwas gestohlen noch das Auto beschädigt hatte, drückte er ihm ein Zehnernötli in die Hand, wünschte ihm Gottes Segen und liess ihn laufen.

*Hast du Suizidgedanken oder sorgst du dich um jemanden? Die Dargebotene Hand ist rund um die Uhr da – Telefon 143 oder www.143.ch (vertraulich und kostenlos). Mehr: www.reden-kann-retten.ch.

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