«Man kann ja auch mal ein Auge zudrücken»
Quartierpolizist Philipp Sigrist, seit 16 Jahren zuständig für das Hirschmatt-Neustadtquartier, ist sehr «Zen». Er nimmt nicht nur an, was kommt. Er nimmt auch die Leute, wie sie sind. Selbst wenn er ihnen Handschellen anlegen muss.
01.09.2026 | Helen Iten (Text) und Louise Runkel (Foto)

Philipp Sigrist macht es mir nicht einfach. «Was geschehen ist, das schubladisiere ich. Daran denke ich nicht mehr», erklärt er. Und was die Zukunft betrifft: «Das schauen wir dann an, wenn es so weit ist.» Der 52-Jährige lebt im Moment. «Ich bin anpassungsfähig», sagt er, und als Journalistin, die ein Portrait über ihn schreibt, möchte ich ihn schütteln.
Schütteln, natürlich nur, um besagte Schubladen zu öffnen, hinter denen ich interessante Geschichten vermute. Nicht etwa, um ihm weh zu tun. Dem Mann, der im Café «Salü» sofort zur Stelle ist, als eine Frau an Krücken mit dem Tablett hadert. Oder der vor Kurzem einen Mann nach Hause begleitete, der nach einer intensiven Zahnbehandlung etwas duselig unterwegs war. «Das war eine spontane Entscheidung. Es ist schön, wenn man sich auch für solche Sachen Zeit nehmen kann.»
Philipp Sigrist erweckt mit seiner sportlichen Statur, den Mammutkleidern und der schnellen Brille den Anschein eines Outdoor-Typs. «In der Natur erhole ich mich, da kann ich den Kopf lüften», bestätigt er. Sei das mit Hund Ellie, um Pilze zu sammeln, beim Fahrradfahren oder Wandern. Er ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.
Vom Zahntechniker zum Polizisten
Seit 28 Jahren ist Philipp Sigrist bei der Polizei, seit 16 Jahren patrouilliert er unter anderem im Hirschmatt-Neustadtquartier. Davor war er Zahntechniker. «Ja, mit dieser Berufswahl habe ich alle überrascht», sagt er und lacht. «Auch mich selbst.» Er sei nie «der Handwerker» gewesen, aber irgendwie habe ihn der Beruf fasziniert: die Selbstständigkeit, die Abwechslung. «Wir arbeiteten im Labor und in den ersten Jahren war ich oft auch zu den Kundinnen und Kunden unterwegs und habe so neue Leute kennengelernt.» Der damalige Freund seiner Schwester, ein Zahntechniker, habe ihn zu diesem Beruf inspiriert.
Aber so wie jene Liebe verging, so endete Sigrists Laufbahn in der Zahntechnik. Nach der Lehre und dem anschliessenden Militärdienst habe er sich entschieden, eine neue Herausforderung anzunehmen. «Die Polizei hat mich schon immer auch fasziniert», sagt er. «Ja, und seither bin ich in diesem Verein.» Er lacht.
«Fast familiär» bei der Stadtpolizei
«Nach der Polizeischule habe ich bei der Stadtpolizei mein Handwerk von Grund auf erlernt», sagt er. «Wir waren vor allem im Hirschmatt-Neustadt-, Bruch- und Altstadtquartier unterwegs.» Dort, wo eben etwas los war. Und in der Altstadt sei das damals bis um drei Uhr morgens der Fall gewesen. Der Betrieb sei «fast familiär» gewesen. «Ich wurde wohlwollend aufgenommen, war schnell integriert.»
Das familiäre Umfeld, das Wohlwollen, ist Philipp Sigrist wichtig. Er weiss, wie es ist, aus einem vertrauten Umfeld gerissen zu werden. «Als ich in der zweiten Primarklasse war, sind wir umgezogen. Alles, was mir vertraut und bekannt war, war auf einmal weg», sagt er. «Anfangs fehlte mir die bekannte Umgebung, in die ich hineingeboren worden war.»
Aufgewachsen ist er nicht weit von «seinem» heutigen Quartier – in Kriens, wo er auch Handball spielte und heute als ein Teil des Sicherheitsteams zwischendurch in der Pilatus Arena tätig ist.
«Meine Arbeit wird wertgeschätzt»
«Ich schätze es sehr, dass ich für dieses Quartier verantwortlich sein darf», sagt Sigrist. Er fühle sich aufgehoben, es sei nicht etwa so, dass man hinter seinem Rücken sage «oh nein, jetzt kommt der schon wieder», wie das manchmal halt doch der Fall sei bei der Polizei. «Die Leute sind mir, glaube ich, wohlgesinnt», sagt er. «Meine Arbeit wird weitgehend wertgeschätzt.» Die Durchmischung von Bewohnerinnen und Bewohnern, Gewerbe, Restauration und Grünanlagen mache das Gebiet interessant und abwechslungsreich. «Es bietet sehr viel.»
Positive Entwicklung im Vögeligärtli
«Sich positiv oder negativ über die Quartierentwicklung zu äussern, bringt nicht viel, daher mache ich das nicht», sagt Philipp Sigrist. «Das sind politische Entscheide, die es zu akzeptieren gilt.» Nur so viel: «Das Vögeligärtli hat sich für alle zum Besseren entwickelt», sagt er. «Die Verbreiterung der Eingänge, das Zurückschneiden der Pflanzen, damit man besseren Einblick von aussen hat – das hat dazu geführt, dass der ganze Platz vielseitig genutzt wird – für Spiele, Picknick, Fussball.» Wo es Optimierungsbedarf gäbe, sei bei der Kreuzung Winkelried-/Pilatusstrasse. «Da wird die Überquerung oft durch Fahrzeuge blockiert, die nicht vorausschauend fahren und dann auf der Kreuzung stehen bleiben», erklärt er.
Repression? Nicht immer zielführend
Von Gewerbetreibenden über die Bewohnenden zu den Suchtbetroffenen – die Neustadt ist eines der am stärksten durchmischten Quartiere. «Es ist nicht jeder Tag gleich, man lernt viele Leute kennen, man kann Positives bewirken, indem man hilft. Man muss nicht immer repressiv unterwegs sein», sagt Sigrist. Gerade wenn es um die Suchtbetroffenen gehe, solle man sie auch akzeptieren, sagt er. «Man darf diese Menschen nicht abstempeln, ihre Menschenwürde nicht antasten.»
«Klar, man kann nicht alles tolerieren, aber ein gutes Einvernehmen auch mit den Suchtbetroffenen ist wichtig.» Das gehöre zu seinen Aufgaben. «Man kann ja auch mal ein Auge zudrücken, wenn es sich um eine kleine Übertretung handelt. Da muss man nicht immer gleich repressiv agieren.» Zumal ihm die Suchtbetroffenen auch mal helfen würden. Etwa, wenn er mal Informationen brauche. «So haben sie uns auch schon in die Richtung des einen oder anderen Dealers geschickt», verrät er.
Grapscher und Räuber überführt
Neben Dealern hat Philipp Sigrist noch einige andere Täter überführt. Vor ein paar Jahren war ein Mann zur Fahndung ausgeschrieben. Er hatte im Bus Frauen sexuell belästigt. «Ich habe inzwischen ein gutes Personengedächtnis», sagt er. «Aufgrund der Bilder, die die Verkehrsbetriebe Luzern uns zur Verfügung gestellt hatten, habe ich ihn im Bus erkannt und konnte so meine Kollegen alarmieren.»
In einem anderen Fall war ein Mann zur Fahndung ausgeschrieben, weil er am Schwanenplatz ältere Menschen abgepasst und überfallen habe. «Er wartete, bis sie mit ihrem bezogenen Bargeld aus der Bank kamen», sagt er. «Ihn habe ich ebenfalls identifizieren und gleich überführen können», sagt er.

Littering nervt
Philipp Sigrist: hilfsbereit, anpassungsfähig. Er ist nicht nachtragend – was war, ist abgehakt und in der Schublade. Verliert er auch mal die Geduld? «Ja, beim Littering. Das macht mir Mühe», sagt er. Und tatsächlich ist da ein Stirnrunzeln zu sehen, eine kleine Reizbarkeit konnte ihm entlockt werden.
«Es gibt genügend Möglichkeiten, um den Abfall zu entsorgen. Ich verstehe nicht, warum man diese nicht nutzt. Das nervt mich», sagt er. «Aber äbe.» Am meisten betroffen seien die Parkanlagen im Quartier, wo teilweise auch Säcke voller Hausabfälle deponiert würden. «Das ärgert mich wirklich. Das wäre keine grosse Sache.» Ebenfalls regen ihn intolerante, rücksichtslose und egoistische Menschen auf, hauptsächlich im Verkehr.
Und auch noch Hobbyschauspieler
Eine kurze Rekapitulation: erst Zahntechniker, jetzt Polizist – und damit zusätzlich eine völlig neue Sparte abgedeckt wird: Schauspieler. Denn Philipp ist im Spielfilm «Polizeyposchtä Feyf» von Silvia Häselbarth aufgetreten. Sie, die auch als Fahrlehrerin arbeitet, habe ihn auf der Strasse angesprochen. «Ich ging davon aus, dass ich da einfach mal in Uniform im Hintergrund vorbeilaufen und ein, zwei Sätze sagen muss», sagt Philipp Sigrist und lacht. «Jaja, es kam dann anders.» So spielte er die nicht unwesentliche Rolle des Polizisten Bründler. Aber spannend sei es gewesen. «Es war schon sehr eindrücklich zu sehen, was bei einem Dreh hinter den Kulissen alles abläuft – von der Maske über Licht und Technik – Unglaublich!» Und erneut hat er dabei gefunden, was ihn bei seinen beiden anderen Tätigkeiten motiviert: «Ich habe wieder neue Leute kennengelernt.»
Philipp Sigrist, der ehemalige Zahntechniker, Schauspieler und Polizist, der auch ein bisschen Sozialarbeiter, Betreuer, Krisenmanager und Zuhörer ist. Und selbst in keine Schublade passt.
Weitere Porträts
- Babette Burri | Sie kam für einen Sommer – und blieb für immer
- Yvonne Bebié | Wo morgens um zwei das Licht angeht
- Sophie Marty | Vom Kämpfen, Chrampfen & Campen
- Marcel Stöckli | Wenn 90 nervöse Maturanden Schlange stehen
- Louana | «Wenn ich gross bin, will ich im Pool als Meerjungfrau leben»
- Mirian Stalder | Neil Armstrong in Mutters Coiffeursalon
- Giovanni Iemma | Gemobbt, gefeiert, gefallen – und nie aufgegeben
- Roland Odoni | «Wenn ich einen blöden Spruch mache, ist das ein Kompliment»
- Rosemarie Fries | «Schön ist es hier im Quartier nicht, aber praktisch!»
- Vincenzo D’Adamo | Das ist Vinci, wie er liebt, lebt und leidet