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«Wenn ich einen blöden Spruch mache, ist das ein Kompliment»

Ein Restaurant, in dem nur mit Bargeld bezahlt werden kann, und dazu ein Wirt, der seine Gäste auch mal anpflaumt: Nach allen Regeln der modernen Gastronomie müsste diese Beiz längst leer sein. Im Neustädtli ist seit 30 Jahren das Gegenteil der Fall – und Beizer Roland Odoni weiss genau, warum.

01.09.2026 | Christine Weber (Text) und Louise Runkel (Foto)

Holztische, schummriges Licht, an den Wänden die Tafeln mit dem Speise- und Getränkeangebot. Auf den Tellern die stadtbekannten Cordon bleu, ein Hacktätschli oder auch mal ein vegetarisches Mittagsmenü. Keine Musik, kein Plastikgeld, keine Webseite. Was manchen Leuten als vorgestrig vorkommen mag, wird von anderen besonders geschätzt: Eine Pause machen im turbulenten Alltag, einen Jass klopfen oder einfach allein einen Rotwein schlürfen und sich daheim fühlen. So geht es vielen Stammgästen, die seit Jahrzehnten im Neustädtli ein und aus gehen: Die Welt ist hier noch in Ordnung, als wäre die Zeit stillgestanden, und alles so wie vor 30 Jahren.

«Ist es natürlich nicht!», sagt Roland Odoni, der über all die Jahre kontinuierlich Kleinigkeiten in der Beiz mit 50 Sitzplätzen und kleinem Aussenraum verändert hat. «Eine neue Deckenverkleidung sowie eine erweiterte Weinkarte, besseres Licht und andere Details – ich habe jedoch immer darauf geachtet, dass die Grundstimmung erhalten und die Atmosphäre auf eine Art konserviert bleibt», erklärt er und zitiert den Spruch: «Wenn du etwas bewahren willst, musst du es ändern.» Mit dieser Haltung ist es dem Wirt gelungen, nebst der alten Kundschaft auch den Nachwuchs an die Tische zu holen, und siehe da: Die Durchmischung von Stammgästen und Laufkundschaft, von Jung und Alt, von Einzelmasken und Jassgruppen scheint besser zu funktionieren als in hippen Läden mit schicken Lounges und laktosefreier Speisekarte.

Schlagfertige Antworten erwünscht

«Zwar gibt es auch hier kulinarische Sonderwünsche: andere Menüzusammenstellung, Glutenunverträglichkeit oder was es heutzutage an individuellen Unverträglichkeiten noch so gibt. Bis zu einem bestimmten Punkt wird das auch erfüllt. Aber grundsätzlich setze ich auf währschafte Kost und guten Wein, was ja auch geschätzt wird», sagt Odoni. Dann lacht er und erzählt, warum er bis heute ein Tee-Trauma hat. «Am ersten Tag des Rauchverbots 2010 blieb die Beiz leer. Einzig zwei Frauen schlürften über mehrere Stunden je einen einzigen Pfefferminztee, um dann zu verkünden, wie schön es hier rauchfrei sei und dass sie jetzt öfters kommen würden.»

Einen grantigen Spruch hat es für die Bemerkung zu diesem lausigen Konsumverhalten wohl kaum gegeben, denn die hebt sich der bärbeissige Beizer für Situationen und Gäste auf, die ihm passen. «Wenn ich jemanden ‹anzünde›, und einen blöden Spruch mache, ist das ein Kompliment. Am liebsten habe ich es, wenn eine schlagfertige Antwort kommt – das ist erwünscht!»

Stets im Final seines eigenen Jassturniers

Dass sich dieser Gastgeber nicht verbiegt, dass alle Gäste den gleichen Status haben und sich entsprechend vor seinem frechen Maul hüten müssen, kommt gut an: Im Neustädtli gehen Kreativleute und alternativ Angehauchte genauso ein und aus wie Schachspielende, Lehrpersonen oder Handwerkerinnen und Büroleute. «Das gefällt mir eben gerade, diese Mischung von unterschiedlichen Menschen und Meinungen. So muss das sein in diesem Quartier, das ich übrigens das beste und lebendigste finde in der Stadt Luzern.»

Dass der Wirt selbst auch ein passionierter Schachspieler und leidenschaftlicher Jasser ist, ist ein offenes Geheimnis. Regelmässig am Karfreitag und zu Allerheiligen finden im Jassturniere statt, die sich bis spätnachts hinziehen. Und wer gehört seit Jahrzehnten zu den Gewinnern? Schon klar: Roland Odoni. «Zwar lande ich leider nicht immer auf dem ersten Platz, aber im Final spiele ich meistens mit.»

«Kartenzahlung? Damit fange ich nicht mehr an!»

So vollbesetzt wie an den Turnieren ist das Neustädtli nicht immer, nachmittags bleibt die Beiz seit ein paar Jahren geschlossen. «Wir haben natürlich mit den gleichen Herausforderungen zu tun wie alle Betriebe, auch wir spüren das veränderte Konsumationsverhalten und ärgern uns über nicht wahrgenommene Reservierungen.» Und warum wird auf Kartenzahlung, Twint und Webseite verzichtet, das ist doch insbesondere für das jüngere Publikum schon fast unverzichtbar? Odoni winkt ab: «Damit fange ich jetzt nicht mehr an, das ist mir alles zu unsympathisch. Ausserdem hat sich bei den Gästen längst herumgesprochen, dass sie Bargeld in der Tasche brauchen, wenn sie hierher kommen.»

Vom Stammgast zum Gastgeber

Aufgewachsen ist Roland Odoni in der Stadt Luzern, familiäre Wurzeln hat er in Norditalien. Gut möglich, dass von daher auch sein Gusto für die Kochkunst, die Weinliebhaberei und das gute Gespür kommt, was eine Beiz für die Gäste attraktiv macht. In Eigenregie geübt und gepröbelt hat er das bereits als junger Mann und Gastkoch in Beizen wie dem «Widder» oder dem «Hopfenkranz». 
1996 konnte Roland Odoni dann das Restaurant Neustadt von Theddy Furrer übernehmen, einem ebenfalls legendären und stadtbekannten Beizer.

«Ich konnte mich in ein gemachtes Nest setzen und habe einfach die Seite gewechselt: Statt als Stammgast vor dem Tresen, stehe ich seit damals als Gastgeber dahinter», sagt der heute 70-Jährige. Dass er von seinem damaligen Beruf als Gewerbeschullehrer in die Gastronomie wechseln und Gastgeber sein wollte, sei ihm schon länger klar gewesen – allerdings schwebte dem versierten Weinkenner eher eine Vinothek denn ein Quartierrestaurant vor. 
 

«Entscheidung keine Sekunde bereut»

Zusammen mit Edith Meier, einer ebenfalls versierten Köchin, hat er nach einem geeigneten Ort in der Stadt Luzern gesucht. «Plötzlich stand das Angebot von Theddy Furrer im Raum, das Neustädtli zu übernehmen. Wir haben zugegriffen und ich habe diese Entscheidung keine einzige Sekunde bereut», sagt Roland Odoni, der ab diesem Tag seine Leidenschaft zu seinem Beruf gemacht hat. Die ersten Jahre führten er und Edith das Restaurant gemeinsam, später übernahm Odoni allein. Das anfängliche Team sei jahrzehntelang gleichgeblieben. «Eine kleine und eingeschworene Truppe waren wir. Nebst Edith gehörte auch deren Schwester Irma Meier dazu, die bis heute dabei ist.» 
 

Lieber Trottoirs und Strassen als Blumen

Von einem kleinen, familiären Team kann heute kaum mehr die Rede sein, das hat sich auch im Neustädtli geändert. «Von den heute 18 Leuten arbeiten nebst mir die meisten in Kleinpensen. Und natürlich sind alle viel jünger als ich», sagt Roland Odoni. Er selbst ist inzwischen Grossvater und wohnt seit über 20 Jahren in Sarnen OW, direkt am See und mit Bergsicht. «Sehr schön, sehr ruhig! Das schätze ich in meiner freien Zeit und es ist ein guter Kontrast zur Stadt.

Trotzdem: Das Hirschmatt-Neustadtquartier mit seiner durchmischten Bevölkerung und der lebendigen Stimmung möchte ich auf keinen Fall missen. Ich denke, dass diese urbane Atmosphäre im Quartier bestehen bleibt», sagt Odoni und schiebt nach: «Zumindest, wenn die Stadt nicht zu sehr reinfunkt mit Gestaltungsideen wie etwa Blumenbeete statt Parkplätze.» Nicht etwa, dass er etwas gegen Wildpflanzen und Natur hätte. «Aber für eine urbane Stimmung im Quartier und das entsprechende Gewusel aus Autos, Fussgängern und Velofahrerinnen eignen sich nun mal Trottoirs und Strassen besser als Blumen, die still und schön vor sich hinblühen.» 
 

Gäste motivieren ihn, weiterzumachen

«Hör ja nie auf!» ist eine Aufforderung, die der Vollblutwirt im Pensionsalter öfters von seinen Gästen zu hören bekommt. «Dieses Kompliment macht mir die grösste Freude und darum mache ich natürlich bis auf Weiteres weiter. Und überhaupt: Woher würde ich denn sonst das Feedback und die Retourkutschen für meine Lebensweisheiten erhalten? Irgendwo muss ich ja meine grantigen Sprüche platzieren können!», sagt er und lacht. 
 

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