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Wenn 90 nervöse Maturanden Schlange stehen

Marcel Stöckli führt die Druckerei ABC Print in zweiter Generation. Seit fast 20 Jahren prägt er das Unternehmen. Die Kündigung des Lokals an der Hirschmattstrasse war für ihn zuerst ein Schock – jetzt erkennt er darin auch Chancen.

01.09.2026 | Daniel Schriber (Text) und Louise Runkel (Foto)

An manchen Tagen stehen sie fast Schlange vor dem Laden. Schülerinnen mit ihren Abschlussarbeiten unter dem Arm, Vereinspräsidenten mit Flyern fürs nächste Fest, Kundinnen mit der Idee für eine Geburtstagskarte oder Unternehmer, die kurzfristig noch eine Broschüre benötigen. Für Marcel Stöckli und sein Team bedeutet das: Ruhe bewahren, beraten, drucken. Besonders hektisch wird es jeweils an den Tagen, an denen die Maturaarbeiten abgegeben werden müssen. «Dann kommen innerhalb weniger Tage 80 oder 90 Kantischülerinnen und -schüler vorbei», erzählt der 47-Jährige und lacht. «Die sind natürlich nervös. Da muss einfach alles klappen.»

Seit fast 20 Jahren gehören solche Szenen zum Alltag von ABC Print an der Hirschmattstrasse 42. Mitten im Quartier produziert die Druckerei alles Mögliche: Vereinshefte, Flyer, Broschüren, Trauerdrucksachen oder Firmenchroniken. Der Chef steht dabei meist mitten im Geschehen. Obwohl Marcel Stöckli Geschäftsführer ist, trifft man ihn regelmässig in der Produktion an. Er richtet Maschinen ein, startet Druckaufträge, füllt Papier nach oder bindet Broschüren. «Ich arbeite sehr gerne mit den Händen», sagt er.

Vom Elektriker zum Unternehmer

Der Weg in die Druckbranche war allerdings alles andere als vorgezeichnet. Marcel Stöckli wuchs in Ennetbürgen NW auf, wo er auch heute noch wohnt, zusammen mit seiner Frau und den beiden Töchtern. Seine Lehre absolvierte er als Radio- und TV-Elektriker im ehemaligen Radio- und TV-Unternehmen Schmied an der Obergrundstrasse in Luzern. «Das technische Verständnis von damals hilft mir bis heute», sagt er. Nach der Ausbildung arbeitete Marcel zunächst in Zug in einem Betrieb, der Mobiltelefone reparierte. Gleichzeitig schlummerte in ihm schon früh der Wunsch, eines Tages sein eigenes Geschäft zu führen. «Die Selbstständigkeit war immer ein Traum von mir», sagt er.

Als sich Anfang der 2000er-Jahre die Möglichkeit ergab, in den Betrieb seines Vaters einzusteigen, musste er nicht lange überlegen. Sein Vater, Gerhard Stöckli, hatte die ABC Print einige Jahre zuvor übernommen und aufgebaut. Während andere Druckereien auf grosse Offsetmaschinen setzten, spezialisierte sich das Unternehmen früh auf den Digitaldruck – damals noch eine Nische, die sich später jedoch als grosser Vorteil erweisen sollte. Als Sohnemann Marcel 2007 einstieg, beschäftigte die Druckerei gerade einmal ein bis zwei Teilzeitmitarbeitende.

Der Wachstumsschub kam mit dem Umzug von der ursprünglichen Adresse an der Winkelriedstrasse an die Hirschmattstrasse. Die neuen Räumlichkeiten boten mehr Platz und eröffneten zusätzliche Möglichkeiten. Schritt für Schritt entwickelte sich aus dem kleinen Familienbetrieb ein Unternehmen mit heute neun Mitarbeitenden und zwei Lernenden. «Ich habe sehr viel von meinem Vater gelernt», sagt Marcel Stöckli.

Gleichzeitig brachte er eigene Ideen ins Unternehmen ein. Dass es dabei gelegentlich zu Differenzen kam, sei im Familienbetrieb ganz normal gewesen. «Aber wir konnten immer offen darüber reden und haben zusammen den ‹Rank› gefunden.» nach und nach reduzierte Gerhard Stöckli später sein Pensum, bevor er sich 2019 ganz aus dem Unternehmen zurückzog und in den verdienten Ruhestand ging.

Er hat früh auf die richtige Karte gesetzt

Wer heute einen Druckauftrag per E-Mail verschickt, kann sich kaum vorstellen, wie die Branche vor 20 oder 30 Jahren funktionierte. Marcel Stöckli jedoch erinnert sich noch gut an die Anfänge. Damals wurden Daten auf Disketten gespeichert, mit Zip-Laufwerken transportiert oder auf CDs gebrannt. Das Internet lief über ISDN-Leitungen, und nicht selten wurden Datenträger ganz einfach per Post verschickt. «Es war wirklich eine andere Zeit», sagt er und schüttelt schmunzelnd den Kopf.

Vieles hat sich seither verändert. Die Druckbranche ebenso wie die Bedürfnisse der Kundschaft. Die grossen Auflagen im klassischen Offsetdruck werden zunehmend kleiner. Wer tausende Prospekte möglichst günstig produzieren will, lässt diese oft im Ausland drucken. Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach kleinen, flexiblen und individualisierten Auflagen. Eine Entwicklung, die ABC Print in die Karten spielt.

«Wenn es schnell gehen muss, sind wir richtig schnell», betont Marcel Stöckli. Während beim Offsetdruck zuerst Druckplatten hergestellt, Maschinen eingerichtet und die Drucksachen anschliessend getrocknet werden müssen, kommen die Produkte im Digitaldruck praktisch fixfertig aus der Maschine. Selbst Einzelstücke lassen sich wirtschaftlich produzieren.

Trotz modernster Technik sieht Marcel Stöckli den grössten Vorteil seines Unternehmens aber nicht bei den Maschinen, sondern bei den Menschen. «Besonders wichtig ist uns die persönliche Beratung», betont er. Viele Kundinnen und Kunden hätten eine Idee, wüssten aber nicht genau, wie sie diese umsetzen sollen. Genau hier kommen Marcel Stöckli und sein Team ins Spiel. «Das Persönliche kann kein Onlineanbieter ersetzen.» Dass sein Konzept funktioniert, zeigt ein Blick auf die Geschäftsentwicklung in den vergangenen Jahren.

Aufwind nach schwierigen Jahren

Die Entwicklung verlief allerdings nicht immer geradlinig. Besonders herausfordernd waren die Jahre 2016 bis 2018. Damals verlor ABC Print den Grossauftrag einer internationalen Sportorganisation. Während Jahren hatte das Luzerner Unternehmen den Versand von Tickets in ganz Europa abgewickelt. Der Auftrag gehörte zwar nicht zum eigentlichen Kerngeschäft, machte aber rund die Hälfte des Umsatzes aus. «Als dieses Mandat wegfiel, war das für uns ein harter Schlag», erinnert sich Marcel Stöckli. Schliesslich blieb nichts anderes übrig, als Mitarbeitende zu entlassen. «Zeitweise waren wir nur noch zu fünft.»

Die Wende kam 2019. Ein grosses lokales Unternehmen führte eine neue Software ein und beauftragte ABC Print mit dem Druck umfangreicher Schulungsunterlagen. «Dieser Auftrag hat uns wieder Aufwind gegeben», sagt Marcel Stöckli. Seither entwickelte sich das Unternehmen kontinuierlich weiter. Während andere Druckereien in den vergangenen Jahren wegzogen oder ihre Türen schlossen – darunter auch der Hirschmatt Copy-Shop gegenüber – ist ABC Print seither gewachsen. «Bei uns läuft viel – und es läuft gut», sagt Marcel Stöckli mehrfach während des Gesprächs.

Das Quartier ist ihm ans Herz gewachsen

Dass sich ABC Print so entwickeln konnte, führt er nicht zuletzt auf die enge Verbundenheit mit dem Quartier zurück. Seit fast 20 Jahren arbeitet Marcel Stöckli hier. Und obwohl er nie im Quartier gewohnt hat, ist ihm die Neustadt längst ans Herz gewachsen. «Mir gefällt es hier immer noch wie am ersten Tag», sagt er. Besonders schätzt er die Lebendigkeit des Quartiers. Die vielen Restaurants, die unterschiedlichen Geschäfte und die Menschen, die zu Fuss oder mit dem Velo unterwegs sind. Seine Mittagspause verbringt er regelmässig in den Lokalen der Umgebung – etwa im «Da Luni», im «Daniele» oder im «Bolero».

Was ihm am Quartier besonders gefällt, ist die Atmosphäre auf den Strassen. «Das Leben findet hier draussen statt», sagt Marcel Stöckli. Viele Menschen können unkompliziert in der Druckerei vorbeischauen und ihre Drucksachen besprechen. Auch ausgeliefert wird auf «urbane» Art und Weise: Bestellungen innerhalb der Stadt Luzern und der nahen Umgebung bringt ABC Print konsequent per Velokurier zu den Kundinnen und Kunden. «Das kostet zwar etwas mehr, lohnt sich aber», sagt Marcel Stöckli. «Die Zustellung per Velo ist umweltfreundlich, schnell und effizient.»

«Kündigung war ein Schock»

Gleichzeitig beobachtet Marcel Stöckli auch Veränderungen. Viele klassische Handwerksbetriebe seien in den vergangenen Jahren verschwunden. «Früher gab es hier noch Elektriker, Radio- und TV-Geschäfte sowie viele andere Gewerbebetriebe. Es werden immer weniger.» Umso grösser war der Schreck, als vergangenes Jahr die Nachricht kam, dass das Gebäude an der Hirschmattstrasse 42 bis auf die Grundmauern zurückgebaut und neu erstellt werden soll. Für ABC Print bedeutete das: ausziehen. «Das war anfänglich schon ein Schock», gibt Marcel Stöckli zu. Die Suche nach geeigneten Räumlichkeiten erwies sich als anspruchsvoll. Vor allem für die Produktion. «Bei den heutigen Mietpreisen kannst du grosse Produktionsflächen in der Stadt fast nicht mehr bezahlen.»

Inzwischen ist die Zukunft geregelt. Im September 2026 eröffnet ABC Print an der Pilatusstrasse 24 ein neues Ladenlokal, die Produktion zieht derweil nach Emmenbrücke. Spurlos geht der Abschied von der Hirschmattstrasse trotzdem nicht an ihm vorbei. Fast zwei Jahrzehnte lang war die Adresse eng mit der Geschichte des Unternehmens verbunden. «Grundsätzlich finde ich es natürlich sehr schade, dass wir unseren Standort verlassen müssen», sagt Marcel. «Aber gleichzeitig bietet ein Neuanfang immer auch die Chance, auszumisten und ein neues Kapitel aufzuschlagen.» Auch die Mitarbeitenden seien gespannt auf die neuen Räumlichkeiten.

Ein «Landei» geblieben

Wenn der Arbeitstag zu Ende geht, schwingt sich Marcel meist auf sein Elektrovelo und fährt zurück nach Hause – und das fast bei jedem Wetter. «Das ist entspannter und meistens mindestens so schnell wie mit dem Auto», sagt er. Obwohl er die Stadt sehr schätzt, sei ein Umzug nach Luzern für ihn nie ein Thema gewesen. «Ich bin eigentlich schon ein bisschen ein Landei», sagt er und lacht. «Und das bin ich wohl auch nach all den Jahren geblieben.»

Am Feierabend geniesst er die Ruhe am See, verbringt Zeit mit seiner Familie oder steigt aufs Stand-up-Paddle. Dort lädt er seine Batterien wieder auf, bevor am nächsten Morgen in der Neustadt erneut die Druckmaschinen anlaufen. Oder die nächste Gruppe nervöser Maturandinnen und Maturanden vor der Tür steht.

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