Das ist Vinci, wie er liebt, lebt und leidet
Er verteilt grosszügig Komplimente und Umarmungen – und doch verlässt Vinci das Haus nicht mehr ohne Pfefferspray. Zwischen ausgelassener Lebensfreude und den Spuren von Verlust und Anfeindung: eine Begegnung mit dem Coiffeur Vincenzo D'Adamo (46).
01.09.2026 | Helen Iten (Text) und Louise Runkel (Foto)

Vincenzo D’Adamo trägt sein Herz auf der Zunge. Er verteilt Umarmungen an Passanten wie Promoter Protein-Shakes an Pendlerinnen. An diesem heissen Sommertag sitzen wir auf dem Steinboden vor seinem Coiffure-Salon «Vincenzo Style and Gossip» an der Dornacherstrasse 9. Vincenzo nennt sich kurz Vinci und Vinci ist dabei nicht nur ein Name, sondern eine Energie, ein «Vibe», sozusagen.
Mit Vinci ein Gespräch zu führen, ist wie eine Partybombe zu zünden. Es geht in alle Richtungen und tönt etwa so: «Mein Vater ist in der Nähe von Napoli aufgewachsen, in Gesualdo, benannt nach Carlo Gesualdo, dem Komponisten. Der hat damals Lieder komponiert – für fünf Männer, in fünf verschiedenen Stimmlagen. Jedenfalls – hey, Kevin!» Vinci hat einen jungen Mann auf dem Balkon gegenüber entdeckt. «Kevin und seine Freundin kenne ich von ... Warte: Wo waren wir?»
Immer wieder winkt er Passantinnen und Passanten zu oder er hüpft auf und schliesst sie gleich in die Arme. «Siehst du», sagt er und winkt ab. «Es ist einfach … ach.» Er lächelt kopfschüttelnd. Und dann fehlen ihm doch die Worte.
Schon als Kind in der Hauptrolle
«In den Theaterstücken in der Schule hatte ich immer die Hauptrollen», sagt er und lacht. «Schon in der ersten und zweiten Primarklasse war ich Josef in ‹Der Stern von Bethlehem›». Vinci fängt gleich an zu singen «… de Stern von Beeethlehem.» – «Und in ‹Steile Zähne, coole Boys› war ich der gemobbte, ‹verschüpfte› Johnny, der zu den Coolen gehören wollte und in das hübscheste Mädchen der Gang verliebt war.»
«Verschüpft» war Vinci aber mitnichten. «Immer war ich mit den schönsten Frauen der Schule zusammen», erzählt er. «Das ging jeweils zwei Wochen, weil ich wusste, dass ich auf Männer stehe. Aber so konnte ich das etwas vertuschen.» Geoutet hat er sich in den ersten Monaten seiner Coiffeurlehre.
Barbie kriegt Stabilo-Strähnen
Dass Vinci Coiffeur werden wollte, hat sich schon sehr früh abgezeichnet. Seine erste «Kundin» war die Barbiepuppe seiner Schwester, da war er etwa sechs Jahre alt. Er schamponierte und frisierte sie und legte sie zum Trocknen auf die Heizung. «Ich habe ihren Haaren mit orangen und pinken Stabilo-Leuchtstiften Strähnen verpasst», erzählt er, während er sich selbst grosszügig mit Haarspray besprüht. «Jedes feine Härchen, das mich kitzelt, bringt mich zum Wahnsinn», sagt er und verzieht das Gesicht. «Furchtbar, schau, ich bin so lackiert, dass sich kaum mehr die Kopfhaut bewegt!» Er wiegt den Kopf hin und her und lacht.
Seine Lehre machte Vinci bei Marc Schleiss an der Falkengasse in Luzern, das Zusatzlehrjahr absolvierte er bei Beat Fuchs, auch in Luzern. Dann stieg er mit seiner ersten Festanstellung gleich steil ein: bei Starcoiffeur Valentino in Zürich, der ersten Adresse damals für ambitionierte Haarkünstlerinnen und -künstler. Und schon mit 25 Jahren machte er sich selbstständig. «Damals hat mich meine Schwester Graziella sehr unterstützt, hinter den Kulissen und als Chauffeuse. Dafür bin ich ihr sehr dankbar.»
Mit Kreativität und Leidenschaft Missenköpfe gestylt
Das Schaufenster von Vincis Salon – seit elf Jahren an der Dornacher-, früher an der Habsburgerstrasse – ist mit bunten Herzen bemalt. Zu seiner Kundschaft zählen alte und junge Menschen, Leute aus der Künstler-, Architektinnen- und Anwaltszene, Berner, Zürcherinnen, Bieler und natürlich Nachbarn, Luzernerinnen.
Und – über all die Jahre hinweg – auch eine Menge A-, B- und C-Promis. Denn Vincis Kreativität und Talent sowie seine Leidenschaft haben sich schnell herumgesprochen. So hat er zum Beispiel mehrmals an Miss-Schweiz-Wahlen die Kandidatinnen frisiert und mit Valentino an VIP-Anlässen in London extravagante Frisuren kreiert. Zudem nehmen seit Jahren bekannte Influencerinnen seine Dienste in Anspruch. Auch Vincis langjährige Zusammenarbeit mit Suzanna Vock von der Modeshow Gwand zeugt von seinem Renommee als Spezialist für alle möglichen und unmöglichen Kreationen.

Auch die Umwelt ist ihm wichtig
Mit der Modeshow Gwand verbindet Vinci zudem das Thema Nachhaltigkeit. «Wie die Gwand ist mir dieses Thema schon seit über zehn Jahren ein Anliegen. Ich achte zum Beispiel bei meinen Produkten genau darauf, dass sie möglichst keine umweltschädlichen Stoffe wie Ammoniak enthalten.» Deshalb können sich bei ihm auch Menschen mit Allergien gegen diese Stoffe die Haare färben lassen. «Ich versuche damit, meinen kleinen Beitrag für Mensch und Umwelt zu leisten», sagt Vinci.
Für seine Arbeit hat er nationale und internationale Auszeichnungen erhalten. Aber auf die gibt Vinci nicht viel. «Mir nützen alle Zertifikate und Preise nichts, wenn die Kundinnen und Kunden nicht glücklich den Coiffeurstuhl verlassen.»
Daheim im Hinicht, bei der «Family»
Seit 2024 lebt Vinci nicht mehr im Hirschmatt-Neustadt-, sondern im Bruchquartier. Seine Wohnung im Dachgeschoss des «Weissen Schlosses» hat er damals nur ungern verlassen. Zuhause ist er hier im Hirschmatt-Neustadtquartier trotzdem: «Im Hinicht, da fühle ich mich daheim, das ist meine Stammbeiz», sagt er. Die kleine Bar an der Ecke Dornacher-/Murbacherstrasse sei «wie Family», man kenne einander. «Sara, die Geschäftsinhaberin, und Sergi, der Geschäftsführer, sind so lieb. Wenn ich ankomme, bringt mir Sergi bereits mein Bier mit dem Limettenschnitzli drin – wie ich es gerne mag.» Es wurde noch nicht in die Hinicht-Karte integriert, aber Insider nennen es offenbar bereits «Vinci-Bier».
Eine besondere Freundschaft verbindet ihn auch mit den Mitarbeiterinnen des Coop Winkelried. «Als mein Vater diesen Frühling starb, haben sie mir sogar eine Karte geschrieben», sagt er, immer noch sichtlich gerührt. Und Valentina, die Geschäftsführerin, hat ihm kürzlich versichert: «Vinci, wir werden hier zusammen alt.»
«Die Neustadt war früher attraktiver»
«Ich finde es schön, dass wir hier im Quartier viele verschiedene Cafés und Restaurants haben – und das Helvetiagärtli», sagt Vinci. Als er vor 21 Jahren hierherzog, wohnten da, wo heute die Überbauung Himmelrich steht, noch viele Portugiesen und Italienerinnen in den günstigen Wohnungen. Dass sie wegziehen mussten, bedauert er: «Sie fehlen.»
«Die Neustadt war damals attraktiver», sagt er wehmütig. «Es hatte mehr Menschen aus der Alternativ-, Kunst- und Grafikszene. Es war bunter, darum wollte ich auch hierher. Jetzt ist es schicker, edler geworden, was ich schade finde.»
Zigfache Homophobie und Gewalt erlebt
Doch Vincis Alltag besteht nicht nur aus Umarmungen und Haarspray. Über die Jahrzehnte hat er unzählige homophobe Sprüche ertragen müssen, dazu mehrere brutale Übergriffe. Zwar konnte er nur einmal einen Täter vor Gericht bringen – dafür mit Erfolg: Der Mann wurde verurteilt. Bei Vinci hat das Erlebte unter anderem dazu geführt, dass er nie mehr ohne Pfefferspray das Haus verlässt. «Notfalls gehe ich sogar zurück, um ihn zu holen.» Als Opfer sieht er sich trotzdem nicht, sondern als den, der er ist: Einer, der lieber umarmt als hadert. Öffentlich mag er über das Thema Homosexualität deshalb nicht mehr gross sprechen.
Rückzug nach Tod von Schwester und Vater
Doch gerade das mit dem Umarmen ist für Vinci in letzter Zeit schwieriger geworden. «Ich bin ja sonst schon eine Partynudel», sagt er. «Aber seit dem Tod meiner anderen Schwester Anna, die vor drei Jahren mit 49 Jahren an einem Herzinfarkt gestorben ist, sowie dem Tod von meinem Vater Lorenzo diesen Frühling habe ich mich zurückgezogen. Ich habe weniger Lust auf Menschen.» Insbesondere der frühe Tod von Anna hat Vinci enorm zugesetzt. «Anna konnte immer alle mitreissen mit ihrem ansteckenden Lachen. Wir standen uns nahe. Sie hat oft auf mich aufgepasst und mir immer tausend Küssli gegeben, was auch mal nerven konnte.»
Kindliche Freude am Schönen
Mehr als die Partys im «Treibhaus» oder «Neubad» sind es nun die Berge, die ihn rufen. So streift er gern mit Freunden und Freundinnen durch das Eigenthal oder steigt auf den Hausberg, den Pilatus. «Ich will das mehr machen, ich brauche das richtig momentan.»
Vinci ist der Nachtschwärmer, der gerne in die Berge entschwindet. Er fühlt sich im Hirschmatt-Neustadtquartier zuhause. Ein Mann, der weinen und kurz darauf ausgelassen lachen kann. Vinci liebt und leidet offen. Beständig ist nur die fast kindliche und filterfreie Freude am Schönen.
«Du hast deine Ansätze nachgefärbt!», ruft er entzückt einer Passantin zu. «Ja, sieht es gut aus?», fragt sie, sich den Kopf tastend. «Ja, super! Bis nachher im Hinicht?»
Weitere Porträts
- Babette Burri | Sie kam für einen Sommer – und blieb für immer
- Yvonne Bebié | Wo morgens um zwei das Licht angeht
- Sophie Marty | Vom Kämpfen, Chrampfen & Campen
- Marcel Stöckli | Wenn 90 nervöse Maturanden Schlange stehen
- Louana | «Wenn ich gross bin, will ich im Pool als Meerjungfrau leben»
- Mirian Stalder | Neil Armstrong in Mutters Coiffeursalon
- Philipp Sigrist | «Man kann ja auch mal ein Auge zudrücken»
- Giovanni Iemma | Gemobbt, gefeiert, gefallen – und nie aufgegeben
- Roland Odoni | «Wenn ich einen blöden Spruch mache, ist das ein Kompliment»
- Rosemarie Fries | «Schön ist es hier im Quartier nicht, aber praktisch!»