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«Schön ist es hier im Quartier nicht, aber praktisch!»

Rock, Lippenstift, Nagellack – und ganz sicher keine Hosen: Rosemarie Fries lässt sich seit ihrer Jugend nicht dreinreden, wie sie auszusehen hat. Noch mit 80 näht sie viele ihrer Kleider selbst und steht für den Waschtag um halb fünf Uhr auf.

01.09.2026 | Christine Weber (Text) und Louise Runkel (Foto)

Wenn das Wetter gut ist, trägt Rosemarie Fries einen bunten Jupe, an Regentagen fällt ihre Wahl auf eine dunkle Farbe. An dieses Konzept hält sie sich schon seit Jahrzehnten. «Nein! Hosen würde ich niemals anziehen», sagt Rosemarie Fries und betont, dass ihr eine elegante und weibliche Erscheinung schon immer wichtig gewesen sei. «Seit ich ein junges Mädchen bin, entscheide ich selbst, wie gestylt ich herumlaufe: Röcke, Nagellack und Lippenstift gehören immer dazu – da mache ich gar keinen Kompromiss», sagt sie und streicht die hübsche Bluse zurecht. «Selbst gemacht», ergänzt sie und Stolz blitzt in ihren Augen auf.

Vor 20 Jahren habe sie damit angefangen, ihre Kleider selbst zu nähen. «Autodidaktisch und unter Anleitung meiner Nähkurs-Lehrerin. Professionelle Schneiderin wäre nichts für mich gewesen, weil ich ja dann auch hätte Hosen nähen müssen», sagt sie und lacht. In all den Jahren habe sie so viele Kleider für sich genäht, dass diese schon lange nicht mehr in den Schränken Platz finden. «Meistens wandern sie darum direkt in einen Koffer. Das hat den Vorteil, dass schon gepackt ist, wenn ich in die Ferien will.»

Architektur hätte sie auch interessiert

Aufgewachsen ist die 80-Jährige mit zwei Schwestern im Brambergquartier. Nach der Schulzeit habe sie zwar keinen Doktortitel gemacht, dafür aber eine Ausbildung im Detailhandel. «Ich machte die Lehre bei Coop. Als Lehrtochter wurde ich in verschiedenen Filialen in der Stadt Luzern und in Kriens zum Aushelfen eingesetzt. Die Einkaufszentren waren im Vergleich zu heute ja winzig und herzig, das hat mir gefallen.»

Stünde sie heute vor der Berufswahl, würde sie eine ganz andere Richtung einschlagen. «Zum Beispiel Architektur. Aber auf solche Ideen bin ich damals als junge Frau schlicht nicht gekommen. Und es waren natürlich noch ganz andere Zeiten, was die Ausbildungsmöglichkeiten für Frauen angeht.» Nach mehreren Jahren im Detailhandel sei sie noch viele Jahre als Bürohilfe im Einsatz gewesen.

«Einfach so auf dem Bänkli plaudern ist nicht mein Ding»

Vor über 40 Jahren ist Rosemarie Fries durch ihre Heirat mit Alfons Fries in die Siedlung Himmelrich am Neuweg gezogen und seither im Hirschmatt-Neustadtquartier geblieben. «Schön ist es hier im Quartier ja nicht, aber praktisch. Eigentlich könnte ich auch auf dem Land leben – aber dann wäre es umgekehrt: Schön, aber nicht praktisch.» In ländlicher Umgebung würde sie sich über die Natur und die Ruhe freuen, dafür wäre der Bahnhof nicht nahe und der Alltag viel komplizierter. «Im Umkreis meiner Wohnung habe ich in Gehdistanz alles, was ich brauche – Migros, Bäckerei und Cafés. Das schätze ich sehr.»

Hin und wieder macht sich Rosemarie Fries auch auf den kurzen Weg zur Pauluskirche. Dort singt sie in einem Projektchor mit. Auch sonst habe sie eigentlich immer viel zu tun und werkle gerne in ihrer Wohnung herum: nähen, kochen, haushalten und darum besorgt sein, dass ein selbst gebackenes Dessert in Reichweite ist – für sich, oder falls Besuch komme. «Einfach so auf einem Bänkli sitzen, und mit Leuten plaudern, ist nicht so mein Ding.»

Vom aufregenden Leben in der Ferne geträumt

In all den Jahrzehnten musste das Ehepaar Fries nur einmal umziehen: 2008 wurde ihre Wohnung im Himmelrich renoviert, einen Steinwurf weiter an der Bundesstrasse fanden sie ein neues Zuhause. «Dieser Umzug war für mich zuerst schlimm. Ich musste das Herz ausschalten und funktionierte nur noch mit Kopf und Händen», erinnert sich Rosemarie Fries.

Grund dafür sei ihr spontaner Einfall gewesen, dass es sich doch auch an anderen Orten ganz gut, oder vielleicht sogar aufregender, leben liesse als in der Stadt Luzern. «Zum Beispiel im Welschland. Da hätte ich etwas Neues kennenlernen und ausprobieren können. Warum nicht Französisch lernen und reden? Das hätte mir gefallen!» Daraus wurde jedoch nichts und im Nachhinein sei sie glücklich darüber, dass sie diese Idee gar nie konkreter weiterverfolgt habe. «Hier ist es ja gut und ich habe alles, was ich brauche», sagt sie.

Ihr Mann war der «eleganteste Herr der Welt»

Seit ihr Mann Alfons 2021 gestorben ist, lebt Rosemarie Fries alleine in der Wohnung. «Ich hätte ihn gerne wieder. Alfons war der schönste und eleganteste Herr auf der Welt!» Im Alltag komme sie aber gut allein zurecht. Zudem ist da seit einiger Zeit auch ein neuer Freund – zwar wohne er nicht in der Stadt Luzern, aber nahe genug, damit man sich regelmässig treffen und etwas unternehmen könne. Reisen zum Beispiel. «Am liebsten fahre ich nach Italien. Schade nur, dass es dort unterdessen immer überfüllt ist», sagt sie und erzählt, dass sie gerade erst für ein paar Tage in Gatteo a Mare gewesen sei, oberhalb von Rimini. «Schön war es am Meer!»

Rosmarie mit ihrem 2021 verstorbenem Mann Alfons Fries

Verständigung im Haus ist schwieriger geworden

Rosemarie Fries ist eine Frühaufsteherin, insbesondere an den wöchentlichen Waschtagen. «Dann stehe ich um halb fünf Uhr auf, damit die Waschküche sicher nicht von jemand anderem besetzt ist.» Der Kontakt im Haus sei gut, beschränke sich jedoch auf ‹Buongiorno› und ‹Grüezi› im Treppenhaus. «Es ist wichtig, dass es gutgeht untereinander – aber engeren Kontakt mit der Nachbarschaft will ich nicht, ich habe gerne meine Ruhe», sagt sie und meint, dass die Kommunikation im Haus und im ganzen Quartier sowieso komplizierter geworden sei. «Heute leben hier viel weniger Schweizer und Schweizerinnen als früher.

Die Leute aus anderen Ländern sind zwar auch gut – aber reden kann man halt meistens nicht miteinander, zumal man sich gegenseitig wegen der Sprache nicht versteht.» Dafür gibt es andere Vielredner, die Rosemarie Fries lieb und teuer sind und die sie jederzeit zuschalten kann, wenn sie Lust dazu hat: «Bei mir läuft häufig das Radio. Ich mag alle Moderatoren von SRF – aber am liebsten habe ich Sven Epiney, der ja oft als Radiosprecher zu hören ist.»

Mehr Autos und Tiefgaragen

Und wie war es vor 40 Jahren in den Strassen und auf den Plätzen des Quartiers? Besser, schlechter, anders? Rosemarie Fries überlegt und sagt dann: «Das ist ja so lange her, das weiss ich wirklich nicht mehr. Mich dünkt es, dass sich gar nicht so viel verändert hat.» Bis auf die Autos natürlich, von denen würden jetzt viel mehr herumkurven. Und fast überall im Quartier hätten die neueren Wohnblöcke Tiefgaragen. «Das mag ich den Leuten wirklich gönnen! Ich wäre auch gerne Auto gefahren. Aber jetzt bin ich zu alt, um das noch zu lernen.»

A propos Alter: Was wünscht sich Rosemarie Fries mit ihren 80 Jahren für die Zukunft? «Meine Mutter ist 100 Jahre alt geworden – aber so alt möchte ich natürlich nur werden, wenn ich gut zwäg bin und selbstständig leben kann», sagt sie. Ansonsten lasse ihre Lebenssituation nichts zu wünschen übrig: gut eingerichtet, zufrieden mit dem Quartier und mit dem Leben ganz allgemein. «Die Welt ist gut, so wie sie ist», sagt sie und ergänzt dann mit ihren 80 Jahren Lebenserfahrung: «Einzig Herr Putin und die anderen Kriegsherren sollten endlich in Pension gehen.»

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