«Wenn ich gross bin, will ich im Pool als Meerjungfrau leben»
Louana ist fünf. In der Himmelrich-Siedlung 3, wo sie wohnt, hat es ein Monster, manchmal auch einen Dinosaurier. Ihre beste Freundin klettert über das Balkongeländer zu ihr. Louana hat grosse Pläne für die Überbauung, aber dafür muss sie zuerst ein paar Tiere im Wald holen.
01.09.2026 | Helen Iten (Text) und Louise Runkel (Foto)

«Im Moment kann ich nicht raus», sagt Louana. «Wegen der Dinosaurier.» Ihr Kindergarten aber sei dort drüben, beim Monster. Sie zeigt auf die andere Seite des Himmelrich-Innenhofes. Wir setzen uns auf die Loggia – sicher ist sicher. Sie lacht.
Louana lacht viel. Sie ist fünf Jahre alt und sitzt gerade vor einem Stapel Papier und einem Haufen Buntstifte, auf dem Balkon – oder «der Loggia», denn diesen Namen findet sie viel witziger. Sie muss gigele, als sie ihn sagt – und das muss man darum mehrmals tun: «Loggia.» Und Sitzen ist nicht ganz richtig – ihre Gliedmassen sind ständig in Bewegung: Hocken, sitzen, wuseln, Haarreif richten und dabei kichern, lachen und grinsen.
Louana lebt im Moment, voll mit Begeisterung, aber nie ohne abenteuerlichen Plan für gleich nachher. Es scheint, mit ihr könne man richtig gut «Chabis» machen. Und Pferde stehlen, oder vielleicht doch eher Rehe, Eichhörnli und Füchse – aber dazu kommen wir noch.
Kleistern ist doof
Der Chindsgi, auf dessen Fenster ein grosses Monster-Bild aufgeklebt ist, habe die weltbesten «Chläber» – also Sticker –, darum findet Louana «Chläbere» auch super, Kleistern dagegen doof, «eifach», sagt sie als Erklärung. Am liebsten zeichnet sie. Unser Gespräch hat gerade begonnen, als bereits das vierte Werk fertig wird. Die Galerie an den Küchenschränken erzählt von einer effizienten und enthusiastischen Produktion. Vor allem aber zeugt sie von einer grenzenlosen Fantasie.
Auch die Riesenrutschbahn im Bleichergärtli sei besser als Kleistern, sagt sie. Sie sei mal von zuoberst heruntergefallen. Louana kann einstecken. Davon zeugen Beulen und blaue Flecken, was vom vielen Raufklettern, Rumrennen, Runterrutschen kommt. Ohne Auslass würde sie vor Energie platzen, so wirkt sie: wie eine Powerbank an der Sonne.
Louana wohnt mit ihrem achtjährigen Bruder Finn und ihren Eltern im Himmelrich – und das seit ihrer Geburt. Louana heisst sie, weil der Name einen schönen Klang hat, sagt die Mutter. Die Bedeutung: die Zufriedene. Im Innenhof lernte Louana laufen, dann Velofahren. Irgendwann zog ihre imaginäre Freundin ein. Sie kommt und geht, schaut Fussball und war schon einmal in Mexiko. Jedenfalls telefoniert sie gern ausgiebig. Zu hoffen bleibt, nicht von Mexiko aus.
Klobi mit G
Sich selbst mag sie gerade nicht zeichnen, sagt Louana bestimmt. Aber beschreiben tut sie sich so: «Ich bin genau einen Meter gross. Ich habe blonde Haare, keine grünen, denn das fände ich hässlich. Und blaue Augen. Aber ich finde, sie sind grau. Wenn ich gross bin, will ich im Pool als Meerjungfrau leben.»
Louana wächst zweisprachig auf. Ihr Vater ist Spanier, die Mutter Schweizerin. Mit der Mutter kocht sie gern Omeletten, doch sie isst am liebsten die Fischgerichte von Papi, am orangen Tag – sie deutet auf ihren Stundenplan. Und dann gibt es noch Klobi mit G, der von ihr erwähnt werden wollte. Warum? Einfach so, und warum nicht?
Das Hirschmatt-Neustadtquartier ist Louanas Welt – und die ist viel bunter, als sie auf den ersten Blick erscheint. «Am liebsten bin ich im Baumhuus», erzählt sie. Als ich die nächstliegenden Baumkronen nach einem «Huus» absuche, schüttelt sie den Kopf. Gemeint ist der Kinderbuchladen im Erdgeschoss der Himmelrich-Siedlung, wo auch das «Nein-Horn» lebe. «Dänk», sagt sie mit liebenswerter Geduld und dann: «Nein! Nicht das EIN-horn!» Jetzt kringelt sie sich vor Lachen. «Das NEIN-Horn!» – eine Geschichten-Serie über ein Einhorn, das offenbar weiss, wie man Grenzen setzt.

Doppel-Looping in den Pool
«Ich weiss nicht, was ich zeichnen soll», Louana wirkt plötzlich verärgert. Dann kommt die zündende Idee: «Eine Wassermelone!» Denn schliesslich habe sie eine solche mal gepflanzt. Die Buntstifte fliegen über das Papier und die Wassermelone entsteht. Noch die Kerne – tack, tack, tack. «So.»
Gepflanzt wurde die Wassermelone tatsächlich, und zwar auf der Terrasse, von der aus sie zu ihrer Freundin und Nachbarin hinüberklettern kann – was sie fast täglich tut. Daran muss sie ab und zu erinnert werden, wenn sie sich darüber ärgert, dass immer nur die Freunde des Bruders «chömid cho lüüte». Ihre kommt schon auch. Einfach nicht «cho lüüte».
Von dieser Terrasse aus hätte sie am liebsten eine grosse Rutschbahn («mit Doppel-Looping») in einen untenstehenden Pool, wo aktuell aber ein begrünter Innenhof mit Spielplatz steht. «Dort sollte es Rehe und Füchse haben», sagt sie. «In den Wald will ich nicht, wegen der Räuber.» Logo.
Statt Rehe und Füchse fläzen im Innenhof Kiwi, Paul und Cannel: die drei Meerschweinchen, die sich Louanas Familie mit sieben anderen Familien teilt und mit Gurke, Rüebli und Löwenzahn füttert. Louana hingegen mag lieber Glace: Zitronen-Schoggi-Vanille. Und zwar gestapelt. Am liebsten würde sie die auf einer Luftmatratze im besagten Pool geniessen.
«Aber zuerst würde ich im Wald ein paar Rehe und Eichhörnli holen», sagt sie, während sie auf dem Bänkli hüpft. Von den Räubern keine Rede mehr. «Dann hole ich auch Nüsse und Beeren. Dann füttere ich die Tiere damit und streichle sie.» Man zweifelt keinen Moment daran, dass sie auch den Dinosaurier noch bändigt.
Weitere Porträts
- Babette Burri | Sie kam für einen Sommer – und blieb für immer
- Yvonne Bebié | Wo morgens um zwei das Licht angeht
- Sophie Marty | Vom Kämpfen, Chrampfen & Campen
- Marcel Stöckli | Wenn 90 nervöse Maturanden Schlange stehen
- Mirian Stalder | Neil Armstrong in Mutters Coiffeursalon
- Philipp Sigrist | «Man kann ja auch mal ein Auge zudrücken»
- Giovanni Iemma | Gemobbt, gefeiert, gefallen – und nie aufgegeben
- Roland Odoni | «Wenn ich einen blöden Spruch mache, ist das ein Kompliment»
- Rosemarie Fries | «Schön ist es hier im Quartier nicht, aber praktisch!»
- Vincenzo D’Adamo | Das ist Vinci, wie er liebt, lebt und leidet