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Vögeligärtli

Von der grauen zur grünen Lunge

Für die Entwicklung des Hirschmattquartiers entschied sich die Stadtregierung für den Stadtbauplan von Heinrich Meili und Robert Winkler, weil er Grünflächen und grosszügige Strassenzüge zwischen den Baublöcken vorsah. Ausschlag gab vor allem der Plan für den begrünten Sempachergarten in der Mitte des neuen Quartiers.

Etappen der Entwicklung: Zuerst befand sich auf dem Gebiet des heutigen Vögeligärtli das erste Gaswerk der Stadt (1858–1899) ...

... dann beheimatete es den Hirschpark (1901 –1906) ...

... und schliesslich stand dort die grosse Volière (1908–1954), die dem Sempachergarten, der auch Englischer Garten hiess, seinen volkstümlichen Namen gab: Vögeligärtli.

Um eine grüne Lunge zu realisieren, bedurfte es aber eines radikalen Schnittes. Denn seit 1858 befand sich auf dem Gebiet des geplanten Sempachergartens eine eher graue Lunge. Entlang der ehemaligen Bahnlinie zwischen der Hirschmattstrasse und dem Bahnhof stand die sogenannte „Gasfabrik“, das erste Gaswerk der Stadt Luzern. 1899 wurde die Gasproduktion deshalb nach Unterlachen verlegt, wo der Betrieb erst 1972 eingestellt wurde, als Luzern an das Erdgasnetz angeschlossen wurde.

Damit war der Weg frei für eine neue Nutzung des Sempacherplatzes, der auch Sempachergarten, Englischer Garten, Zentralplatz, Zentralmatte oder Vögeligärtli genannt wurde. Dabei standen Erholung und Vergnügen im Vordergrund. 1899 wurde eine Tropfsteingrotte eingerichtet, die in erster Linie und dem Zeitgeist folgend als touristische Attraktion gedacht war, die aber offenbar auch die Jugend erfreute. Sie zierte den Englischen Garten an der Westseite gegen die Morgartenstrasse bis 1935.

1901 fand der Hirschpark eine vorübergehende Heimat im Sempachergarten. Bis 1906 wurden die Tiere von der Ornithologischen Gesellschaft gepflegt, dann wurden die Tiere in den neuen Hirschpark auf dem Gelände des Kantonsspitals auf der Reussporthöhe verlegt, wo sich der Hirschpark noch heute befindet. Ebenfalls 1901 wurde die erste Volière im Park errichtet. Daher stammt auch der Name, der bis heute geblieben ist: Vögeligärtli. 1908 erhielt die Volière einen grosszügigen Steinbau, erst 1954 wurden die Tiere auf das Inseli verlegt.

Das Vögeligärtli war auch der Ort, an dem sich Schausteller und Budenbetreiber einfanden und das Volk unterhielten. Hier gastierten der Zirkus Pilatus oder die Arena Bühlmann mit ihren Gauklerstücken, hier fand die Budenmesse statt (von 1927 bis 1942) und hier warfen die Fritschiväter die Orangen unter das Fasnachtsvolk.

Stück für Stück wurden aber auch einzelne Bereiche der grosszügigen Grünfläche überbaut. 1935 entstand die Lukaskirche auf der Zentralmatte, zwischen 1949 und 1951 wurde die Zentralbibliothek gebaut. Damit war die letzte Landreserve im Hirschmattquartier überbaut. Als ein privater Investor in den späten Sechzigerjahren versuchte, ein dreistöckiges Parkhaus unter dem Englischen Garten errichten, löste er einen Sturm der Entrüstung aus. 1970 erhielt er die Bewilligung nicht.

Schon früh bemühte sich die Stadt, das Vögeligärtli als einen naturnahen, gleichzeitig geordneten Raum zu unterhalten. 1936 wurde die Stadtgärtnerei mit dem Auslichten der Bäume beauftragt, auch wurde die Wegführung vereinfacht; am nördlichen Ende des Parks wurde ein schattiger Ruhe- und Kinderspielplatz eingerichtet.

Dort spielen auch heute Kinder, daneben sitzen Mütter und Väter, treffen sich zu einem Schwatz, ältere Männer spielen Gartenschach, Studenten lesen in Büchern. Vergessen sind die Zeiten, als die Medien über Dauerärgernisse wie den Hundekot auf der Spielwiese oder die ziemlich offene Drogenszene (bis 2008) berichteten. Heute ist das Vögeligärtli zweifellos eine der beliebtesten Grünflächen in der Stadt Luzern. Nicht zuletzt deshalb sprachen sich im Jahr 2014 über 75 Prozent der städtischen Stimmbürger für eine Initiative zur Rettung der Zentral- und Hochschulbibliothek aus. Damit verunmöglichten sie den Abbruch der ZHB und die Errichtung eines deutlich grösseren Neubaus, den der Kantonsrat zwei Jahre zuvor ins Auge gefasst hatte.



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