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Viktoriaplatz

Zweigeteilte Stadt

Dass die Pilatusstrasse nicht schnurgerade verläuft, sondern am Viktoriaplatz einen Knick macht, hat einen einfachen Grund: Hier führte von 1859 bis 1896 die Eisenbahnlinie durch. Diese war schnurgerade, ebenso die Strassen entlang der Gleise. Doch diese befanden sich vor und nach der Hirschmattstrasse nicht auf der gleichen Seite der Bahnlinie.

Das ehemalige Hotel Victoria an der Ecke der Pilatus- und Hirschmattstrasse in einer Aufnahme, die zwischen 1891 und 1896 entstand.

Damals endete die Pilatusstrasse, die von der Obergrundstrasse in die Stadt führte, am heutigen Viktoriaplatz. Auf der anderen Seite der Hirschmattstrasse gab es kein Durchkommen, dort stand die Gasfabrik. An der Stelle, wo die Pilatusstrasse heute geknickt ist, befand sich ein Bahnübergang, über den Kutschen, Fussgänger und die ersten Motorfahrzeuge auf die andere Seite der Bahnlinie gelangten.

Dort führte die Bürgenstrasse zum Bahnhof. 1896, als die Gleise verschwanden, wurden das Bahntrassee und die bestehenden Strassen zusammengelegt, die Bürgenstrasse wurde zur Verlängerung der Pilatusstrasse.

Blick vom Kellerhof (um 1890) auf den alten Bahnhof Luzern aus dem Jahre 1859

Die Gleise verliefen in der Pilatusstrasse, am heutigen Viktoriaplatz begann die Einfahrt in den Bahnhof

Die vordere Hirschmattstrasse um 1893. Links befindet sich das Hotel Victoria mit Hotelkutsche, davor die Bahnschranke, die im Quartier ein Dauerärgernis war.

Die Bahnschranke an der Hirschmattstrasse war für die Quartierbewohner übrigens ein Dauerärgernis und einer der Hauptgründe, weshalb die Verlegung der Bahngleise vorangetrieben wurde. Der Stadtrat liess in den Achtzigerjahren des 19. Jahrhunderts erheben, wie lange die Schranke geschlossen war. Die Statistik ergab: Zwischen 5 und 23 Uhr kreuzten täglich 7500 bis 11‘000 Fussgänger und 600 bis 800 Fuhrwerke den Bahnübergang; insgesamt war die Schranke während 6,5 bis 7 Stunden pro Tag geschlossen.

Ohne den neuen Bahnhof von 1896 wäre die Entwicklung des Hirschmattquartiers nicht möglich gewesen. Die alte Linienführung stellte aber eine erhebliche Belastung dar. Dass sich der Bahnhof überhaupt in der Fröschenburg befand, war das Resultat eines langen politischen Kampfes. 1853 erhielt die Schweizerische Centralbahn die Konzession für die Linie von Olten nach Luzern. Noch im gleichen Jahr kaufte sie Land in der Fröschenburg. In der Stadt aber entbrannte ein Streit um den Standort. Vorgeschlagen wurde die Sentimatt wegen ihrer Nähe zur Altstadt, 15 Nachbargemeinden unterstützten den Vorschlag. Die Centralbahn bevorzugte die Seenähe, weil sie den Anschluss an die Dampfschifffahrt als einen grossen Vorteil für den Tourismus sah.

Am 9. Juni 1856 wurde die Bahnlinie von Olten nach Luzern eröffnet, die Züge fuhren aber nur bis zum Emmenbaum. In der Stadt Luzern war noch kein Entscheid über den Bahnhof-Standort gefallen. Erst ein Jahr später, am 30. Juni 1857, legte sich der Stadtrat fest: Er entschied für die Fröschenburg und ging dabei einen Tauschhandel mit der Centralbahn ein. Auf der einen Seite legte die Stadt die Reussschwelle tiefer und baute das Nadelwehr. Dadurch war die Centralbahn nicht gezwungen, das Sumpfgebiet in der Fröschenburg um rund 60 Zentimeter aufzuschütten. Sie beteiligte sich mit 60‘000 Franken am Bau des Nadelwehrs. Auf der anderen Seite ging der Bahnhofplatz in den Besitz der Stadt über. Diese verpflichtete sich, den Platz nicht zu überbauen; die Centralbahn erhielt dafür Seezugang und das Recht, zwei Dampfschiffstege zu bauen. Und sie musste keine Ersatzzahlung leisten für den verlorenen Markt- und Ablagerungsraum der Stadt an der Bahnhofstrasse, die nun als Zufahrt zum neuen Bahnhof diente.

Der Viktoriaplatz auf einer Postkarte um 1900: Der Buobenmattbrunnen steht heute – gegen den Willen der Quartierbewohner – vor dem Krienbrüggli.

Nach der Verlegung der Bahngleise wurde der Viktoriaplatz mit dem Kellerhof und dem Hotel Victoria zum neuen Kern des neuen Quartiers. Rasch wurde auch die übrige Pilatusstrasse überbaut. Mit dem neuen Buobenmattbrunnen wurde in der Hirschmattstrasse ein Blickfang geschaffen. Als der Brunnen im Zuge des Neubaus der Kantonalbank von 1973 weichen musste, setzte sich der Quartierverein dafür ein, dass auf den Dorfplatz auf Obergeissenstein verschoben werde. Eine entsprechende Eingabe hatte er bereits 1968 gemacht. Der Stadtrat liess den Brunnen aber im Frühling 1978 vor dem Krienbrüggli an der Verzweigung von Burgerstrasse und Pfistergasse aufstellen.



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