Unser Vögeligärtli

Einst und Heute: eine bewegte Geschichte über 170 Jahre

Vor rund 170 Jahren war das Vögeligärtli als Teil des Landgutes Hirschmatt noch vollständig Kulturland und befand sich im Privatbesitz. Nach einem Zwischenverkauf an den Luzerner Metzgermeister Alois Kauffmann im Jahr 1843 fand ein Teil des Vögeligärtlis in der Person des Ingenieurs Gräser aus Darmstadt im Jahr 1856 einen Käufer, welcher dem Landgut für eine längere Zeit den Stempel aufdrücken würde.

Gläsers Ziel war es, auf dem soeben erworbenen Boden Luzerns erste Gasfabrik zu errichten, da in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts die meisten Städte vom traditionellen Öl- auf das neue Gaslicht umstellten. Sogleich wurden im Jahr 1856 die Arbeiten am neuen Gaswerk begonnen. Kurz danach geriet der Besitzer in Konkurs und der Luzerner Stadtrat Julius Salzmann übernahm während kurzer Zeit das „Gasareal“. Bereits 1858 konnte das Areal an den Augsburger Riedlinger weiterverkauft und das Gaswerk noch im selben Jahr fertiggestellt werden.

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Die alte Gasfabrik auf dem Sempacherplatz
Das Hauptgebäude der Gasfabrik mit dem Hochkamin lag unmittelbar auf dem Trassee der heutigen Frankenstrasse


In den siebziger und achtziger Jahren wurde das Gebiet um das Gaswerk immer dichter besiedelt. Der schlechte Geruch und der Lärm plagte die Anwohner, weshalb die Fabrik auf der Hirschmatte stillgelegt und schon bald abgerissen wurde. Im Jahr 1899 wurde im Steghof ein neues Gaswerk in Betrieb genommen.

Eine weitere Besonderheit des „Englischen Parks“, wie das Vögeligärtli auch genannt wurde, war die Tropfsteingrotte, welche von 1899 bis 1935 sowohl den Luzernerinnen und Luzernen wie vor allem auch den touristischen Gästen ein besonderes Erlebnis bieten konnte.

Im Jahre 1900 hielten fünf Hirsche auf dem alten Gasareal Einzug. Aufgrund der Auflösung des Wildparks auf dem Gütsch fanden die Tiere auf der Hirschmatte ein neues Zuhause. Im Jahr 1908 wurde für die Tiere ein Platz an der Peripherie der Stadt, beim Reussportwäldchen, ein neuer Platz gefunden.

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Die Hirsche im Sempachergarten.

Schon bald hielten andere Tiere Einzug ins Vögeligärtli. Unter dem Patronat der Ornithologischen Gesellschaft Luzern entstand 1908 eine Volière. Sie gab dem Sempacherplatz den Namen Vögeligärtli und blieb bis 1954 bestehen, bis sie nach fast 50 Jahren ins Inseli zügelte.

In den dreissigen Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde auf dem ehemaligen Zentralplatz die Lukaskirche erbaut. Nach dem Bau der Lukaskirche übernahm die Stadtgärtnerei im Jahr 1926 die Aufgabe, den teilweise zu dichten Baumbestand auszulichten und die verwinkelte Wegführung zu vereinfachen. Gleichzeitig wurde der nördliche Teil des Park in den schattigen Ruhe- und Kinderspielplatz verwandelt, den wir noch heute kennen.

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Die Volière, welche dem Vögeligärtli seinen nicht offiziellen Namen gab.

Noch immer fehlte aber das Gebäude, welches den Sempacherplatz bis heute prägt: die Zentralbibliothek. Ursprünglich zwischen der Jesuitenkirche und dem Stadttheater geplant, fand die Zentralbibliothek im Vögeligärtli ihren Platz. Im Jahr 1949 wurde mit dem Bau begonnen. Im August 1951 konnte die neue Bibliothek bereits bezogen und im November des gleichen Jahres feierlich eröffnet werden.

Im Jahr 1968 wurde ein für unser Vögeligärtli kritisch Projekt an den Grossen Stadtrat getragen: ein privater Initiant ersuchte diesen um eine Bewilligung für den Bau einer dreistöckigen Tiefgarage unter dem Boden des Englischen Parks. Der Initiant versprach, den Park nach der Fertigstellung der Garage wieder zu bepflanzen. Trotzdem hätte der beliebte Ruhe- und Spielplatz über Jahre  hinweg einer lärmigen Baustelle weichen müssen und viele alte Bäume hätten gefällt werden müssen. Die Öffentlichkeit unter Anführung des Quartiervereins wandte sich entschieden gegen das Projekt. Der Stadtrat sah sich im Jahr 1970 gezwungen, das Gesuch abschlägig zu beantworten.

Diesem mutigen Entscheid ist es zweifellos zu verdanken, dass das Vögeligärtli so erhalten geblieben ist, wie wir es heute kennen und schätzen. Ein ruhiger Ort und eine Oase in unserm Quartier, wo sich Menschen treffen und Kinder spielen können. Ein Ort mit einer bewegten Vergangenheit, heute ein wunderbarer Ort der Begegnung, der Ruhe und des Innehaltens.

Alexander Gonzalez
Quelle: „Ein Quartier im Umbruch“, III. Band der quartiergeschichtlichen Neuveröffentlichungen im Selbstverlag des Quartiervereins Hirschmatt-Neustadt-Biregg in Luzern, 1978



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